Seit 24. Mai in jedem guten Buchladen - das Buch zur Website! HIER

Duncan Green: Den Wandel planen

Duncan Green: Den Wandel planen

Dr. Duncan Green: Den Wandel planen – ein Interview

Duncan Green: Den Wandel planen

Dr. Duncan Green berät Oxfam strategisch und lehrt an der London School of Economics. Er hat das Buch »How Change Happens« darüber geschrieben, wie sozialer Wandel funktioniert. Das wollten wir natürlich von ihm wissen.

Wir alle wollen wissen, wie wir die Welt verändern können! Haben Sie eine Antwort?

Ich denke schon. Oder zumindest habe ich ein paar Erkenntnisse, die besonders für Aktivisten relevant sind. Allen voran die, dass Veränderungen nicht geschehen, weil es einen bestimmten Menschen gibt. Sie entstehen unbeabsichtigt und im Rahmen eines Systems. Das bedeutet: Menschen, die absichtlich Veränderungen voranbringen wollen, müssen sich in Bescheidenheit üben. Sie müssen erkennen, dass sie einem Prozess, der ohnehin abläuft, nur ein bisschen etwas hinzufügen oder entziehen können.

Außerdem ist Veränderung kein kontinuierlicher Prozess. Es gibt Momente der Chancen und Momente der Risiken. Während dieser Schlüsselmomente können Aktivisten mehr Reaktionen hervorrufen, als normalerweise. Aber sie können nicht in Form von Projekten vorgehen oder einen guten Plan für die nächsten drei Jahre entwickeln. Sie können sich nur an diesen Momenten, diesen Fenstern orientieren. Alles andere ruft keine großen Veränderungen hervor. Deshalb ist meine Antwort auf Ihre Frage auch keine große Theorie. Vielmehr stelle Sie vor ein paar Herausforderungen, über die Sie nachdenken können: wie können Sie sich sinnvoll verhalten?

Wieso sind Projektpläne ein Problem?

Das Risiko ist, dass Aktivisten zu professionell werden. Sie verbringen dann viel Zeit damit, ihre Techniken als Aktivist zu optimieren. Der eine setzt sich zum Beispiel mit großen Unternehmen zusammen, um sie von einem gemeinsamen Projekt zu überzeugen. Ein anderer weiß vielleicht, wie man am besten eine Demonstration organisiert oder die beste Online-Kampagne macht. Aber diese Fähigkeiten werden irgendwann zu einer Zwangsjacke. Denn die Leute denken dannmehr darüber nach, was sie tun werden – das nenne ich die Theorie der Aktion – und weniger, wie sich die Welt gerade verändert – das ist die Theorie des Wandels.

Und sobald sich die Aktivisten ins Zentrum ihrer Überlegungen stellen, sind sie sich weniger des Systems um sie herum bewusst. Dann nehmen sie die Chancen und Möglichkeiten der Veränderung nicht mehr wahr. Das führt dann dazu, dass Menschen sagen: »Wir haben doch immer dieses und jenes organisiert – lass uns das hier auch wieder machen.« Doch das hat viel weniger Einfluss auf Veränderungen, als wenn Aktivisten wissen, wie sie mit einem System tanzen können. Man spricht dann von einer agilen Projektplanung, mit der sie sich geschickt auf die Veränderungen in ihrem Umfeld einstellen können.

Wie können wir dann den Wandel planen?

Also, als erstes: Gut schlafen! Ausreichend Pausen machen. Nicht denken, dass wenn wir noch zwei Stunden mehr pro Tag arbeiten, würden wir die Veränderungen bewirken können, die wir uns wünschen. Wir sollten aufhören, über uns selbst nachzudenken und stattdessen die Welt beobachten. Nun gibt es unterschiedliche Möglichkeiten des Beobachtens. Man kann das Leben der anderen leben. Wenn man zum Beispiel in der ländlichen Entwicklung arbeitet, kann man mal eine Weile in einem typischen Dorf leben – ohne irgendetwas ändern zu wollen. Einfach nur, um alles zu beobachten und wahrzunehmen und Teil dieser Welt zu sein. Das gibt einem viele neue Ideen und Einsichten.

Dann kann man durch Lesen beobachten, das ist ganz wichtig – und zwar nicht nur Kampagnenbücher. Und vor allem kann man gut beobachten, in dem man genau zuhört! Aktivisten sind ja oft in einem Sendemodus und nicht in einem Empfängermodus. Daher müssen die meisten lernen, besser zuzuhören. Mein Sohn arbeitet zum Beispiel für eine NGO mit dem Namen »Citizens UK« und er macht tatsächlich Zuhör-Kampagnen. Dabei fragen sie zum Beispiel Menschen aus London: „Was macht dein Leben schwierig?“ Und erst auf Basis dessen, was sie da zu hören bekommen, machen sie ihre eigentliche Kampagne. Das ist ein Zugang, der meiner Meinung nach viel besser funktioniert, als zu sagen »Wir wissen, was zu tun ist«. Nicht zuhören zu können, kann unglaublich blind machen.

Aber irgendwann muss man doch in Projekten denken. Wie plant man ohne zu planen?

Man muss für die Ungewissheit planen. Das ist fast so, als würde man planen ohne einen Plan. Natürlich plant man. Man investiert Geld in eine bestimmte Richtung und organisiert Menschen und Ressourcen für einen bestimmten Zweck. Aber man weiß, dass das, was man als seine Ausgangsposition annimmt, nur eine erste Vermutung ist. Und dass man mehr dazu lernt, sobald man mit dem Projekt beginnt. Dadurch gestaltet man eine Kampagne oder anderes so, dass immer wieder neue Aspekte, die man unterwegs erfährt und lernt, mit einfließen können.

Das ist vor allem eine Frage der Geisteshaltung. Zum Beispiel kann man dann alle drei Monate einen Tag freihalten, an dem das Team darüber diskutieren kann, was gerade um sie herum geschieht. Ob sie sich damit identifizieren können. Was funktioniert und was nicht. Was sie gelernt haben. Was sich verändert hat. Und wie sie die Kampagne an diese neuen Erkenntnisse anpassen können. Und dann arbeiten sie wieder drei Monate und treffen sich dann erneut. Das bedeutet also nicht, dass man gar keinen Plan hat und alles komplett offen ist. Aber man etabliert ein System, das das Nachdenken und Überarbeiten ermöglicht.

Dabei besteht allerdings die Gefahr besteht, dass man eine Analyse-Paralyse erleidet. Dann diskutieren die Menschen endlos, was am besten funktionieren würde. So klappt das mit den Veränderungen auch nicht. Vielmehr brauchen die Leute den Rückhalt, dass sie Dinge ausprobieren und auch mal damit scheitern können. Dazu braucht es einen sicheren Ort, an dem sie ihre Aktivitäten reflektieren und auswerten können. Wo sie Zweifel und Überlegungen für Veränderungen einbringen können.

Das bedeutet, dass wir eine gute Balance zwischen „Activism“ und „Reflectivism“ brauchen. Wenn es zu viel „Activism“ gibt, dann tun die Menschen möglicherweise viele Dinge, die keine Wirkung haben. Und wenn es zu viel „Reflectivism“ gibt, dann endet man so wie ich und macht sich nur noch Gedanken über alles mögliche (lacht).

Wie kommt man zu einer guten Balance zwischen „Activism“ und „Reflectivism“?

Ich habe kein Rezept, das zeigt, was man tun muss, um ein erfolgreicher Weltveränderer zu sein. Ich denke, wir müssen vielmehr einen bestimmten mentalen Zustand anstreben. Und dieser mentale Zustand zeichnet sich durch Neugier aus. Manchmal sind Aktivisten einfach müde. Wenn man ihnen von etwas Neuem erzählt, sagen sie einfach »Ich will nur noch mit meiner Kampagne weitermachen.« So wird es keine Veränderungen geben.

Aktivisten müssen einfach neugierig sein. Das bringt uns wieder zu der Tatsache, dass Arbeitstage von 20 Stunden nicht sinnvoll sind. Wenn man so viel arbeitet, ist man nicht mehr neugierig. Dann ist man nur noch überlastet und müde. Daher ist die Fähigkeit der Selbstfürsorge wichtig. Und die Art und Weise, wie man auf das eigene Leben blickt.

Außerdem müssen Aktivist bescheiden sein. Und da geht es um eine Bescheidenheit, die auf dem Wissen basiert, dass man in einem so komplexen System niemals wissen kann, was geschieht und wie sich Veränderungen auswirken werden. Das ist für Aktivisten oft sehr schwer zu akzeptieren. Denn ein Teil ihrer Persönlichkeit ist es, große Zuversicht auszustrahlen und den anderen zu sagen »Ihr könnt mir folgen, ich kenne die Antworten.«

Das ist die wahrscheinlich schwierigste Erkenntnis des Buches, dass Aktivisten in einer dissonanten und widersprüchlichen Welt leben müssen. Auf der einen Seite müssen sie Führungsqualitäten zeigen und auf der anderen müssen sie die Mehrdeutigkeit und Ungewissheit akzeptieren. Das ist wohl auch ein Grund, warum Aktivisten oft so gestresst sind.

Und wenn es um die Fragen geht – das steht nicht in dem Buch, aber da geht es um Fragen wie: Wie verändert sich das System ohne mich? Wie verstehe ich Macht in dieser Situation? Wer sind die Protagonisten? Was könnte sie überzeugen, etwas zu verändern? Also alle Fragen, die helfen zu verstehen, wie man Veränderungen bewirken könnte. Und dann natürlich sich danach zu orientieren.

Wie kann ich am besten verstehen, wie ein System funktioniert?

Das hängt von dem System ab. Da sollte man Bücher lesen, mit eine möglichst großen Bandbreite an Menschen sprechen, offen sein. Man muss so eine parlamentarische Haltung entwickeln, mit der man für die unterschiedlichsten Sichtweisen und Informationen offen ist. Geht es um ein kleines, lokales System, dann sollte man mit den Nachbarn sprechen. Und zwar nicht nach dem Motto »Sind sie auf meiner Seite oder nicht?«

Es geht auch darum, Menschen zu finden, die nicht so sind wie du, um mit ihnen zu arbeiten. Bei Aktivisten gibt es oft eine Monokultur. Da findet man große Gruppen von Menschen, die exakt gleich denken: »Wir halten den Brexit für eine fürchterliche Idee«, »Wir mögen niemanden, der religiös ist« und so weiter. Und so gibt es da Gruppen, die irgendwann die Verbindung zu den realen Menschen in der realen Welt um sie herum verloren haben.

Bist du ein Optimist oder ein Pessimist?

Beides! Das hängt von der Zeitskala ab, die man betrachtet. Wenn wir uns anschauen, was seit dem 2. Weltkrieg geschehen ist: Die Dekolonisierung – da gibt es 70 Jahre eines atemberaubenden Fortschritts. Allein die Medizin ist so weit wie noch nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. Also Gesundheit, Bildung, Recht. Das ist erstaunlich. Wenn man sich das ansieht, dann kann man nicht anders, als ein Optimist zu sein.

Aber wenn man sich einen kürzeren Zeitraum anschaut, dann sieht man eine ganze Reihe von negativen Trends: Bei der Demokratie, den Rechten sogar bei Konflikten – die gingen die ganze Zeit zurück, doch in den letzten drei Jahren haben sie wieder zugenommen. Also da gibt es schon genug Anlass, um weniger optimistisch zu sein.

Wenn man in die Zukunft schaut gibt es massive Risiken. Ich weiß nicht, was die größere Gefahr ist: ein nuklearer Krieg oder die Klimakrise. Aber beide sind sehr groß. Und die entscheidende Frage hierbei ist, ob wir genug Intelligenz als Organisation einer Spezies haben, um mit diesen systemischen Gefahren umzugehen. Und ehrlich gesagt: Ich habe keine Ahnung. Gerade bei der Klimakrise sieht man, wie es eine Mischung aus Technik und Desaster gibt und die Politik nicht in der Lage ist, damit umzugehen. Ich glaube nicht, dass die Menschheit ausgelöscht wird. Aber die Klimakrise wird sehr unangenehm und garstig.

Dr. Duncan Green

arbeitet für die internationale Hilfsorganisation Oxfam als strategischer Berater. Außerdem ist er Professor „in practise“ an der London School of Economics. Dort hält er Vorlesungen im Master-Studiengang für internationale Entwicklung. Daneben hat er das Buch „How Change Happens“ geschrieben. Das kannst du dir in gedruckter Version bestellen oder als PDF kostenlos herunterladen: http://how-change-happens.com

265

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

related posts