Seit 24. Mai in jedem guten Buchladen - das Buch zur Website! HIER

Gerald Hüther: So geht Umdenken

Gerald Hüther: So geht Umdenken

Gerald Hüther: Warum unser Gehirn Veränderungen verhindert und wie wir das ändern können

Gerald Hüther: So geht Umdenken

Wieso fällt es uns so schwer, unser Leben zu verändern – obwohl es doch offensichtlich höchste Zeit wäre?

Schöner und auch wissenschaftlich nachweisbar wäre es zu fragen: Menschen haben ein so formbares Gehirn, dass sie dort Vernetzungen aufbauen können, die sie in die Lage versetzen überall dort zu leben, wo andere Menschen auch schon mal gewesen sind. Das reicht vom Amazonasindianer bis zum New-York-City-Bürger. Es gibt kein anderes Lebewesen auf der Erde, das so veränderbar und unterschiedlich in der individuellen Ausprägung wie der Mensch. Denn wir Menschenkönnen im Laufe unseres Lebens Erfahrungen machen und sie auch noch im Gehirn verankern. Dadurch entsteht eine enorme Vielfalt menschlicher Daseinsweisen und neurobiologischer Vernetzungen im Hirn. Oder anders gesagt: Wir Menschen können alles werden.

Aber warum halten wir dann so fest an dem, was wir vorfinden? Das hat einen anderen Grund. Nämlich den, dass unser Gehirn dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik folgt und deshalb seinen Energieaufwand so gering wie möglich hält. Alles, was im Gehirn passiert, ist daraufhin optimiert. Nun ist der Energieverbrauch sogar im Ruhezustand mit rund 20 Prozent der vom Körper bereit gestellten Energiereserven immens.

Sobald jemand anfängt nachzudenken, ein Problem zu lösen oder sich gar zu verändern und dabei in eine ungewisse Zukunft zu blicken, steigt der Energieverbrauch. Und das führt dazu, dass wir so etwas lieber lassen. Am wenigsten Energie verbraucht das Gehirn, wenn es in einem Zustand ist, in dem alle passt und den wir „in Kohärenz“ nennen. Diesen Zustand wollen wir unbewusst immer anstreben. Der Versuch, sein Leben zu verändern, wird deshalb als Störung, als Inkohärenz wahrgenommen. Man weiß nicht, ob die Veränderung gelingt und ob man hinterher besser dasteht als vorher. Das verbraucht eine Unmenge von Energie. Und deshalb versuchen wir dann schnell wieder alles passend zu machen – meist mit dem Griff nach dem Altbekannten. Deshalb verharren wir lieber in unglücklichen Zuständen, als uns ins Neue hinauszuwagen.

Was kann uns denn dennoch dazu bringen?

Dazu gibt es nur eine Antwort: Wir sind dazu bereit, wenn wir wissen, wozu es gut ist. Mit anderen Worten: wenn wir ein in die Zukunft weisendes, Kohärenz stiftendes Anliegen haben. Also wenn uns das, was in ferner Zukunft liegt, wichtiger ist, als das, was der Augenblick uns an Beruhigungspillen liefert.

Wie ein Lebenssinn, eine Gemeinschaft oder ein gemeinsames, höheres Ziel?

Ja, in früheren Jahren waren das über viele Generationen hinweg religiöse Überzeugungen. Da wollte man in den Himmel kommen oder was weiß ich was. Als diese Vorstellung kaputt ging, suchten die Menschen ihr Heil in kurzfristigeren Zielen. Das nutzt die Wirtschaft aus und bedient dieses Bedürfnis.

Wollen sie das auch mit der Akademie für Potentialentfaltung erreichen?

Ihre Frage deutet an, dass Sie – unserem heutigen Trend folgend – die Potentialentfaltung als ein individuelles Geschehen betrachten. Die Antwort heißt aber: Es gibt den einzelnen Menschen gar nicht. Es gibt auch nicht das einzelne Gehirn. Es hängt immer noch ein Körper dran und ein ganzes soziales Erfahrungsnetzwerk. Daher kann man seine Potentiale – also diese wunderbare Möglichkeit, dass unser Hirn Zeit unseres Lebens immer wieder etwas Neues dazu lernen kann – nur in Gemeinschaft mit anderen zur Entfaltung bringen. Deshalb arbeiten wir in der Akademie für Potentialentfaltung an der Frage: Wie ist es möglich, dass Menschen in Gemeinschaften so zusammenwirken, dass es zur Entfaltung der im Einzelnen angelegten Möglichkeiten kommt?

Die Gemeinschaften, die wir bisher kennen, sind hierarchisch organisiert. Einer macht sozusagen den Anführer und die anderen folgen ihm. Wir haben keine Erfahrung damit, wie wir eine Gemeinschaft bauen können, in der die Menschen einander vertrauen und in die Kraft helfen. Wir kommen kurzfristig mit Gleichgesinnten zusammen, um gegen irgend etwas anzurennen. Das halten wir dann schon für eine Gemeinschaft. Doch im Grunde ist das eine Kampfgruppe. Doch wie wir Gemeinschaften aufbauen, in denen jeder den anderen dabei unterstützt, seine Potentiale zu entfalten, müssen wir erst noch lernen.

Der Schlüssel ist, dass das nur geht, wenn sich Menschen als Subjekte begegnen. Und wenn sie sich gegenseitig nicht in hierarchischen Ordnungsstrukturen zwangsläufig zum Objekt ihrer Begierde, ihrer Absichten und Ziele, ihrer Bewertungen, Erwartungen, Maßnahmen und Belehrungen machen. Wenn jemand erleben muss, dass er zum Objekt gemacht wird, kommt es zur schwerwiegendsten Kohärenzstörung in seinem Hirn. Das ist sozusagen die schwierigste seelische Verletzung, die man jemandem antun kann, denn dies verletzt gleichzeitig seine beiden Grundbedürfnisse: Das nach Verbundenheit und das nach Autonomie. Da das aber ein Kennzeichen aller hierarchischen Ordnungsstrukturen ist, ist es auch das, was die Menschen seit zehntausdenden Jahren beschäftigt. Aus diesem Objektrollen herauszufinden, kann uns nur gemeinsam gelingen. Wer versucht, alleine eine Lösung zu finden, macht meist die anderen zum Objekt seiner Lösung.

Und haben Sie schon Erkenntnisse, wie wir so eine echte Gemeinschaft bekommen können?

Wir haben zwei Ansätze, mit denen wir das versuchen. Eine hat sich als nicht ganz so brauchbar erwiesen. Dabei geben sich alle Menschen einer Gemeinschaft das Versprechen, dass sie sich gegenseitig eine Woche lang nicht zum Objekt machen. Danach kann alles wieder weiter gehen wie vorher. Wenn es jemandem in dieser Woche dann doch passiert, können die anderen ihn daran erinnern, dass sie das ja diese Woche nicht tun wollten. Das funktioniert im Prinzip schon. Aber meistens machen die Leute das mit einem starken kognitiven Anteil. Dann streiten sie sich darüber, ab wann man denn den anderen zum Objekt macht. Deshalb sind wir davon wieder abgekommen.

Was viel besser funktioniert ist, dass man die Subjekt-Subjekt-Begegnungen in einer Gemeinschaft als einen sich selbst organisierenden und zwangsläufig einstellen Effekt erzeugt. Das geht, indem die Mitgliedern einer Gemeinschaft ein gemeinsames Anliegen entwickeln. Wenn allen Menschen einer Gemeinschaft – und interessant dabei ist, dass es umso besser ist, je unterschiedlicher sie sind – etwas wirklich am Herzen liegt und das nur zu verwirklichen ist, wenn sich alle in echter Gemeinschaft auf den Weg machen – dann kann keiner mehr den anderen zum Objekt machen. Dann muss man den anderen stärken. Sonst kriegt man das gemeinsame Anliegen nicht hin.

Wie findet man so ein gemeinsames Anliegen?

Wir legen weniger Wert auf die Gestaltung des Prozesse, als auf die Intention. Zunächst muss jemand zunächst einmal eine Stimmung erzeugen, in der die Menschen der Gemeinschaft darüber nachdenken, ob es überhaupt ein gemeinsames Anliegen gibt und was das sein könnte. Dann passiert es häufig von allein, dass die Menschen die Dimension begreifen und ihnen auch die Möglichkeiten aufgehen, die sie nur gemeinsam haben. Deshalb muss sich das ganze Augenmerk darauf richten, dass so ein Zustand entsteht.

Zum Beispiel begleite ich hier in der Nachbarschaft mit der Akademie eine Kleinstadt. Ihr gemeinsames Anliegen ist es, die freundlichste Stadt in ganz Nordhessen zu werden. Und jetzt merken Sie, was das bedeutet. Jeder kann überlegen, ob das, was er da wollte, tatsächlich dazu führt, dass sie die freundlichste Stadt in ganz Nordhessen werden. Da gibt es eine junge Gruppe von Transition-Town-Leuten, die alles mögliche wollen. Die ganze Welt wollen die verändern. Und die kommen dann und sagen: Ja, aber da müssen wir jetzt noch mal nachdenken, was von dem vielen, was wir da wollen, überhaupt dazu beiträgt, dass unsere Stadt freundlicher wird. Und schon gibt es da einen gemeinsamen Boden der Realität. Das gilt auch für den Seniorenverein und den Kindergarten. Und dann geht es nur noch darum, dass man viele unterschiedliche Initiativen und Aktivitäten so unterstützt, dass etwas Spürbares in der Kommune daraus erwächst.

Führt so eine Gemeinschaft automatisch zu einem öko-sozialen Wandel?

Ich glaube, dass das der einzige Weg ist. All die anderen Versuche der letzten fünfzig Jahren – mit Appellieren und Aufklären, Demonstrieren und Fordern und Gesetze erlassen und Belohnungen aussetzen – sind Unsinn. Denn wir machen damit die Menschen immer zu Objekten. Wir müssen aber eine Form finden, in der die Menschen sich als Subjekte entscheiden können. Und das geht nur in einer Subjekt-Subjekt-Gemeinschaft.

Wenn sich die Menschen dieser Stadt zum Beispiel dafür entschieden haben, ihre Stadt zur Freundlichsten in ganz Nordhessen zu machen, hat das viele unbeabsichtigte Nebeneffekte. Zum Beispiel, dass die Geburtenrate steigt. Oder dass es auf einmal wieder Zuzug gibt. Dass dann auch die Geschäftslage und damit das Budget der Kommune besser wird. Und auch, dass die Menschen bewusster miteinander umgehen. Dass führt dann dazu, dass sie bewusster mit den natürlichen Ressourcen umgehen. Als Nebeneffekt. Viele Weltretter halten das nicht aus, weil sie glauben, dass das zu lange dauert. Aber es nützt ja auch nichts, etwas schnell zu machen, das nichts bewirkt.

Und im Augenblick versuche ich ein Anliegen in der Öffentlichkeit breit zu machen, das ist ja auch interessant. Man könnte mit den anderen zusammen ja auch versuchen darauf zu achten, dass die eigene Würde nicht verletzt wird. Da sind wir bei diesem Würdekompass, das haben Sie bestimmt auch gesehen. Und da ist ja auch so etwas. Da bemüht man sich gemeinsam um etwas, was man aber so gar nicht jemals so hundertprozentig erreichen kann. Aber wenn man das Thema Würde in der Öffentlichkeit so hochhebt, dann immer häufiger auch zur Diskussion stellt und sich immer mehr Leute fragen müssen, wie sie das mit ihrer Würde halten, dann kriegen Sie bald eine Situation, wo ein Bauer, der Glyphosat auf seine Felder versprüht, von irgendjemand gefragt wird, wie er das mit seiner Würde vereinbaren kann. Als Bauer, als Mensch, als Vater, als Bewohner dieses Ortes. Und da muss er dann erst einmal eine Antwort drauf finden.

Denn eigentlich hat er sich diese Frage noch nie stellen müssen, weil da keine öffentliche Meinung da war. Weil das so tabuisiert worden ist diese Frage, dass er machen konnte, was er wollte. Er brauchte das nur ökonomisch zu rechtfertigen. Das als Mensch zu rechtfertigen ist eine völlig neue Dimension. Und das kann man auch für Investmentbanker machen und für Monsanto-Hersteller und weiß der Kuckuck was.

Könnte das Thema „Würde“ ein gemeinsames Anliegen in unserer Gesellschaft insgesamt sein, das zu einer Subjekt-Subjekt-Gesellschaft führt?

Dieses Anliegen versuche ich im Augenblick mit dem Würdekompass in der Öffentlichkeit breit zu machen. Dabei ist Würde aber immer etwas, was jeder für sich selbst bestimmt. Und dann braucht man andere, mit denen man das gemeinsam umsetzen kann. Wer das macht, ist als Konsument für diese Welt gewissermaßen untauglich. Der ist nicht mehr verführbar. Der macht andere Leute nicht mehr zu Objekten und stellt sich selbst auch nicht mehr selbst als Objekt zur Verfügung. Damit wird man automatisch jemand, an dem sich diese Konsumgesellschaft die Zähne ausbeißt.

Dr. rer. nat. Dr. med. habil Gerald Hüther

ist Neurobiologe, Sachbuchautor und seit 2015 Vorstand der Akademie für Potentialentfaltung.


Seine beruflichen Stationen sind: Biologiestudium, Forschungsstudium und Promotion an der Universität Leipzig, Habilitation an der Medizinischen Fakultät der Universität Göttingen. Wissenschaftliche Tätigkeit am Zoologischen Institut der Universität Leipzig und Jena, am Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin Göttingen, als Heisenbergstipendium der DFG und an der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen.


Zu seinen wissenschaftlichen Themenfeldern gehören: Einfluss früher Erfahrungen auf die Hirnentwicklung, Auswirkungen von Angst und Stress und Bedeutung emotionaler Reaktionen.

285

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.