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Elena Tzara im Gespräch über das Premium-Kollektiv
Premium-Kollektiv: Wirtschaft anders machen

Elena Tzara ist ein kreativer Mensch, der Lust auf Abwechslung hat und ihr Leben in Kollektiven und Gemeinschaften organisiert: Sie lebt in einem Wohnprojekt in Hamburg-St.-Pauli, hat die Organisation Foodsharing mitgegründet und arbeitet für das Premium-Kollektiv. Sie weiß also, wie man kooperativ etwas auf die Beine stellt. Dazu haben wir sie befragt …Wie bist du zum Leben und Arbeiten in Gemeinschaft gekommen?Ich habe damals in Berlin die Plattform Foodsharing.de – die da noch Lebensmittelretten.de hieß – mitgegründet. Foodsharing ist eine Community, die Lebensmittel rettet. Sie verhindert also, dass diese weggeworfen werden und verteilt sie. Ich habe im ersten Jahr im Geldstreik gelebt. Auch um deutlich zu machen, wie verrückt das ist, in was für einem Überfluss wir hier in Deutschland leben. Dass mensch in dieser Gesellschaft nur von dem Ausschuss leben kann. Und gleichzeitig auch, dass es ein extrem starkes Gefälle gibt zwischen den Menschen, die so etwas aus freien Stücken wählen und denen, die sich gezwungen und dadurch degradiert fühlen, karitative Angebote annehmen zu müssen. Eine Überwindung dieser Klassenverhältnisse und Begegnungen auf Augenhöhe hat unsere Gesellschaft dringend nötig.So habe ich mich in Richtung Non-Profit-Organisationen und alternative Unternehmensformen orientiert. 2014 habe ich dann das Premium-Kollektiv kennengelernt und dort, parallel zu meinem Engagement bei Foodsharing, angefangen. Wir stellen Cola, Limonade, Mate und Bier her. Das Besondere am Premium-Kollektiv ist, dass alle Mitarbeiter*innen, Partner*innen und Kund*innen alles gemeinsam entscheiden. Das finde ich sehr spannend, weil es für mich eine Lücke schließt. Ich habe immer schon gemerkt, dass es mir mehr Freude macht wenn ich an etwas arbeiten kann, dass in irgendwas Großem endet. Und die aktuelle kapitalistische und am Wachstum orientierte Wirtschaft ist für mich ganz klar eines der größten Probleme, die wir zurzeit haben und die dringende Wandelprozesse erschwert.Lange stand ich vor der Frage: Wie ändern wir die Wirtschaft? Das ist einfach superschwierig und sehr abstrakt für einen kleinen Menschen. Und dann habe ich das Premium-Kollektiv kennengelernt und hatte sofort das Gefühl, dass ich hier an einem Modellprojekt mitarbeiten kann, das beweist, dass heute schon alles anders gemacht werden kann. Würden das viele Unternehmen machen, es Teil gesellschaftlicher Normalität werden und es dann schlussendlich auch entsprechende Gesetze geben, dann hätten wir eine komplett andere Welt.Was läuft im Premium-Kollektiv anders?Formal gesehen ist das Premium-Kollektiv ein Getränkehersteller. Aber in Wirklichkeit sagen viele von uns, dass das Premium-Kollektiv eigentlich eher der Beweis, dass Wirtschaft auch anders gemacht werden kann – und dass das der eigentliche Mehrwert des Unternehmens ist. Deshalb werden wir auch sehr viel angefragt für Workshops, Vorträge und Beratungsleistungen. So können wir weitergeben, was wir in den über 17 Jahren Premium-Kollektiv gelernt haben.Gegründet hat es Uwe Lübbermann mehr oder weniger aus Versehen. Er hatte eine Protestgruppe initiiert, die sich gegen eine Rezeptänderung eingesetzt hat – jedoch wurden diese langjährigen, treuen Kund*innen vom Unternehmen in ihrem Protest nicht ernst genommen. Sie haben dann einen Tipp bekommen, wie sie das Getränk selbst abfüllen lassen können. Daraufhin gab es eine Umfrage, bei der alle angeben konnten, wie viele Flaschen sie wollten – und auf einmal hatten sie ein Produkt. Dann waren die Flaschen leer, es sollten neue produziert werden und auf einmal war da ein Unternehmen, das Entscheidungen forderte: Wie teuer ist denn die Flasche? Wie sieht sie aus? Und wie werden die Leute bezahlt, die dafür arbeiten? Und so weiter.Nun gab es von Anfang an den Ansatz, es ganz anders zu machen als der zuvor bekämpfte Getränkehersteller. Und das Ganze als Projekt auf die Spitze zu treiben. So entstand die Idee, dass alle Entscheidungen im Konsent getroffen werden sollten. Und zwar nicht nur unternehmensintern, sondern mit allen Beteiligten. Also mit allen, die irgendwie von dem Produkt betroffen sind: Die Endkund*innen, die Abfüller*innen, die Spediteur*innen. Und das konsentdemokratisch über alle Belange des Unternehmens. Viele Leute denken »Wie soll das denn gehen? Das fährt doch direkt gegen die Wand!« Aber es hat sich gezeigt: Das ist möglich! Und nach 17 Jahren, in denen sich das Premium-Kollektiv in einem so konkurrenzstarken Markt wie der Getränkebranche behauptet hat, kann sicherlich gesagt werden: der Beweis steht, dass das funktionieren kann.Das Premium-Kollektiv ist seitdem langsam, aber stetig gewachsen. Das ist deshalb interessant, weil das Unternehmen von sich eigentlich von einer Wachstumslogik entkoppelt ist. Alle, die bei Premium arbeiten, arbeiten dort für einen Einheitslohn und es gibt keine klassischen Besitzer*innen. Natürlich müssen wir formale Strukturen einhalten, aber Entscheidungsmacht oder Gewinnabschöpfung einzelner Personen sind bei uns ausgehebelt.Wenn das Premium-Kollektiv wächst, ist das natürlich trotzdem schön, weil sich die Vision verbreitet und mehr Menschen für das Premium-Kollektiv arbeiten können. Als ich 2014 dazu kam, waren wir fünf Leute. Jetzt sind wir elf, die zentral in einer Art Orga-Rat die Aufgabe haben, Premium als Projekt auf Kurs zu halten. Drum herum gibt es etwa 30 Sprecher*innen, die lokale Kontakte sind. Und dann gibt es 1.700 gewerbliche Partner*innen, die mal mehr und mal weniger eng mit uns zusammenarbeiten. Sie alle sind eingeladen, gemeinsam mit uns zu entscheiden. Auch die mehreren zehntausend Endkund*innen.Eine Mischung aus diesen Interessensgruppen findet sich im sogenannten Board wieder. Das ist unser Online-Forum. Die Mitglieder bezeichnen wir als Kollektivist*innen. Aktuell gibt es etwa 250, die von ihrem Recht Gebrauch machen, mitzureden.Was ist deine Aufgabe bei Premium?Wir haben keine festen Positionen, sondern verschiedene Aufgabengebiete. Und die können auch sehr fluide sein. Also wenn jemand von uns zum Beispiel sagt, dass die Person gerne Buchhaltung lernen würde, dann wird sie eingearbeitet um einige Aufgaben von der bisherigen Buchhalterin zu übernehmen. Ich mache sehr gerne neue Sachen. Wenn die zu Alltagsaufgaben werden, dann gebe ich die gerne wieder ab. Deshalb habe ich sehr viel gewechselt.Ich habe zum Beispiel ein lokales Einladungssystem etabliert, mit dem Kollektivist*innen und andere Interessierte zu lokalen und kostenfreien Veranstaltungen eingeladen werden. Oder ich habe das Board für die Kommunikation innerhalb des Kollektivs eingerichtet, zudem wir von der damaligen Mailling-Liste gewechselt sind. Außerdem habe ich die wissenschaftlichen Arbeiten, die es über das Premium-Kollektiv gibt, strukturiert. Das sind bisher über 100 wissenschaftliche Arbeiten insgesamt.Das heißt, du suchst dir etwas, was du gerne machen möchtest – und dann entscheidet ihr im Konsent, ob das klargeht?Das klingt jetzt sehr einfach. Ein bisschen schwieriger ist es natürlich schon. Denn natürlich stellen wir uns die Frage: Brauchen wir das wirklich? Da muss mensch schon etwas beharrlich sein und überzeugen. Aber ja, im Endeffekt kann jede*r neue Ideen vorschlagen und wenn niemand etwas dagegen hat, diese dann umsetzen.Insgesamt können wir beim Premium-Kollektiv sehr, sehr flexibel arbeiten. Nicht nur, was die Aufgabenbereiche angeht, sondern auch weil wir örtlich und zeitlich ungebunden sind. Wir stellen uns frei, was wir arbeiten wollen, wann wir arbeiten wollen und wie viel wir arbeiten wollen. Das Premium-Kollektiv hat das Kredo „Die Arbeit richtet sich nach dem Menschen“. Also schauen wir immer, dass es für die Menschen auch tatsächlich passt. Einige haben regelmäßige Aufgaben mit einem regelmäßigen Einkommen. Andere arbeiten flexibler.Mir war zum Beispiel wichtiger, dass ich im Sommer weniger und im Winter mehr arbeiten kann. Und ich brauche nicht so viel Geld zum Leben. Aber wir alle arbeiten mit einem Einheitslohn, rechnen stundenweise und auf Vertrauensbasis ab. Also wir alle rechnen unsere Stunden selbst zusammen. Keiner kontrolliert das. Denn es würde früher oder später auffallen, wenn jemand das System ausnutzt. Also macht es wenig Sinn alle zu kontrollieren, nur weil es vielleicht mal eine Person geben könnte, die mit so viel Vertrauen nicht umgehen kann.Das klingt sehr utopisch. Wie entsteht denn so eine Gemeinschaft voller Vertrauen?Das braucht meiner Meinung nach vor allem zwei Sachen: Das eine ist eine gemeinsame Vision. Also ein Ziel, auf das mensch sich einigen kann. Das muss nicht identisch sein. Beim Premium-Kollektiv gibt es immer wieder unterschiedliche Blickwinkel. Manche Leute wollen in einem Unternehmen arbeiten, das korrekt ist und Menschen gleichwertig behandelt. Andere wollen ein cooles Getränk machen. Und die nächsten wollen die Weltwirtschaft verändern. Das geht auch, wenn diese Visionen kompatibel sind. Erst wenn sich etwas gegenseitig widerspricht, wird es schwierig.Das zweite ist, dass Menschen auf jeden Fall an sich selbst und an ihrer Teamfähigkeit arbeiten müssen. Das ist heute leider etwas, was wir selten wirklich lernen. Auch an Schulen. Kinder werden hier oft auf Konkurrenz und sich Durchsetzen getrimmt – und nicht darauf, dass sie Dinge gemeinsam lösen können. Doch wir Menschen müssen erkennen, dass sich unsere Ziele nur umsetzen lassen, wenn wir andere Menschen mitnehmen.Das ist beim Premium-Kollektiv auch der Witz am Konsent: der ist nur zu erreichen, wenn bei Vorschlägen der Bedarf aller am Projekt beteiligten Menschen mitbedacht wird. Ansonsten wirst du nur Dinge vorschlagen, die abgeblockt werden. Dann bist du frustriert und die anderen sind frustriert. Wenn es dir jedoch gelingt, alle einzubeziehen, dann kannst du gute Entscheidungen treffen und dann wirst du damit auch zufrieden sein. Dieser Prozess bewirkt, dass Entscheidungen viel nachhaltiger sind. Sie sind umsichtiger, als hätte jemand alleine entschieden. Und sie sind effizienter. Das hat eine Doktorarbeit herausgefunden. Wir brauchen zwar etwas länger in der Entscheidungsfindung, aber diese haben dann eine deutlich längere Haltbarkeit. Im Endeffekt bringen sie uns tatsächlich dorthin, wo wir hinmöchten.Schließlich ist es wichtig, dass bei Gruppenprozessen Moderationstechniken anwendet werden. Das ist super einfach und jeder kann sie verstehen. Trotzdem werden sie immer wieder außer Acht gelassen. Das sind so einfach Dinge, wie dass mensch sich gegenseitig wirklich ausreden lässt, dass mensch aufeinander hört, dass niemand versucht die Leute umzubiegen. So etwas zieht viel Energie von allen. Aber auch Selbstreflexion ist wichtig. Eher laute und dominante Personen müssen lernen, sich aktiv zurückzunehmen. Leisere Personen müssen wirklich den Mut aufbringen, sich zu äußern und sich einzubringen. Denn wer sich nicht einbringt, kann auch den Prozess nicht mit gestalten.Was ist deine Utopie von Wirtschaft?Die geht in die Richtung "Think global, act local". Das heißt, wir würden die globale Perspektive im Blick haben, aber im Lokalen handeln. Wirtschaft soll im Endeffekt ja Bedürfnisse befrieden. Sie ist ein großer Umschlagplatz, um zu zeigen, was es gibt und zu suchen, was gebraucht wird. Doch davon hat sich die Wirtschaft heute weit entfernt. Die derzeitige Macht- und Ressourcenakkumulation hat mit dieser Marktplatzidee überhaupt nichts mehr zu tun. Wenn wir jedoch die Entscheidungs-, Besitz- und Machtverhältnisse verändern, folgt fast automatisch ein System, bei dem Menschen das bekommen, was sie brauchen. Das zeigt das Premium-Kollektiv. Wahrscheinlich bekommt jede*r zwar weniger. Doch dieser jetzige Überfluss ist eine Vorstellung, von der sich Menschen lösen können.Gleichzeitig würden wir weder unsere Mitmenschen noch die Natur ausbeuten. Das ist wieder dieser Gemeinschaftsaspekt: Wir müssen uns als einen kleinen Teil von etwas Größerem verstehen. Uns müsste das Wohl der Anderen viel mehr am Herzen liegen. Dieses Gemeinschaftliche gäbe es in einer utopischen Wirtschaft.Wie kommen wir dahin?Die Gesellschaft hat sich immer verändert. Deshalb ist es auch gar nicht so utopisch dorthin zu kommen. Wie wir Gemeinschaft oder Arbeit definieren, wie wir leben oder was wir als wichtig erachten, hat sich immer schon entwickelt. Das ist alleine durch aktuelle Tendenzen wie Urbanisierung oder Digitalisierung spürbar.Natürlich gibt es auch viele Horrorszenarien der Zukunft. Aber das ist nicht die einzige Option. Wir müssen uns den Glauben erhalten, dass wir eine positive Zukunft gestalten können. Sonst würde es sich ja gar nicht lohnen, sich für irgendetwas einzusetzen oder überhaupt noch Kinder zu kriegen – und es würde deutlich schwerer sein, ein glückliches Leben zu führen. Aber genau diese Energie aus einem zufriedenen Leben brauchen wir für den Wandel!Damit wir noch rechtzeitig einer positiven Zukunft entgegensteuern können, reicht es jedoch nicht einfach nur ein bisschen grüner zu konsumieren oder ein paar politische Mechanismen gegen den Klimawandel einzusetzen. Dazu brauchen wir einen grundlegenden Wandel, wie Menschen sich und ihre Umwelt wahrnehmen. Wir Menschen müssen lernen anders zusammenarbeiten. Wir müssen aufhören zu einer Arbeit zu gehen, die uns viel Energie zieht, aber wenig gibt. Dafür brauchen wir dringend gute Alternativen die nicht nur sowieso privilegierten, sondern allen Menschen zugänglich sind.Wir hätten eine andere Welt, würden wir Menschen in sich gegenseitig stärkenden Gemeinschaften zusammen leben. Und auch in ähnlichen Kontexten arbeiten, die uns Energie geben. Wenn wir es uns vielleicht auch leisten könnten, weniger Zeit in Erwerbsarbeit zu stecken, dann hätten wir genug Zeit, um die Welt umzubauen.Auf der persönlichen Ebene sollten wir aber in der Zusammenarbeit mit Anderen die kleinen Mikrokosmen erschaffen, die jeder Mensch braucht. Und Menschen, die in Gemeinschaften auf Augenhöhe zusammenkommen, entwickeln ein gemeinsames Gefühl davon, was ethisch korrekt ist und was nicht. Das was uns nah ist, ist immer unser Referenzrahmen. Und Menschen deren Lebensrealitäten wir einsehen und nachvollziehen können, denen vertrauen wir. Dann ist auch die Gleichwertigkeit von Menschen kein rein abstraktes Konstrukt mehr. So können wir ein größeres Gefühl von Freiheit durch Geborgenheit erfahren, als sich viele Menschen das heute vorstellen können.Das Premium-KollektivDas Premium-Kollektiv umfasst theoretisch alle, die in irgendeiner Weise an der Herstellung der Getränke beteiligt sind: Hersteller*innen, Spediteur*innen, Händler*innen, Gastronom*innen und insbesondere auch Konsument*innen. Kurz: alle, die mal eine Flasche getrunken haben, können mitlesen und -reden. Theoretisch zumindest. Praktisch können nur die Menschen mitentscheiden, die mindestens einen vorhandenen Kollektivisten persönlich kennengelernt haben und für okay befunden wurden (immerhin öffnen das Premium-Kollektiv u.a. auch sein Bankkonto). Weitere Infos zum Premium-Kollektiv findest du auch unter: https://www.premium-cola.de/kollektiv

Verlosung: Verschenke ein Buch

Kennst du einen Menschen, der eine super Idee hat für eine öko-soziales Projekt – oder der ein ganz tolles Projekte für den öko-fairen Wandel bereits am Laufen hat? Und würdest du diesem Menschen gerne eine Freude machen, ihm Inspiriation, Ermutigung und Anregungen schenken?Dann mach mit bei unserer Verlosung!Zum Start unseres neuen Buches "Faironomics" verlosen wir 5 x 1 Exemplar.Du kannst bis zum 10. Juni 2019 (24 Uhr) teilnehmen. Und so einfach geht das:Schritt 1: Wer soll das Buch bekommen?Schreibe unter diesem Beitrag als Kommentar, auf Facebook oder per Email, wem du warum das Buch schenken möchtest. Du kannst dabei Namen und Projekt nennen (inklusive Website oder Facebook-Seite) – oder das Ganze anonym machen (so nach dem Motto "Mein Nachbar organisiert ein Repair-Café" oder "Meine Schwester will sich mit einem Unverpackt-Laden selbständig machen")Schritt 2: Wie lautet die Widmung?Schreibe uns – wenn du möchtest – auch deinen Text für die Widmung! Das ist deine Gelegenheit, ihm oder ihr zu sagen, warum du es so toll findest, was er oder sie macht!Schritt 3: Gewinne mit etwas Glück!Schreibe uns bis zum 10 Juni 2019 um 24 Uhr! Denn am 11. Juni ziehen wir die fünf Gewinner*innen! Wir nehmen Kontakt zu dir auf. Wenn du eine Widmung möchtest, schreiben wir sie dir ins Buch und senden es dir zu.Wir wünschen dir viel Glück und drücken dir die Daumen!!!

Dynamic Facilitation: Konflikte kreativ lösen

Gemeinsam kreative und unerwartete Lösungen für Konflikte finden

Soziokratie, Holokratie und S3
Soziokratie

Organisationsstruktur in Kreisen

Wie können sich Organisationen anders als in Hierarchien organisieren? Wie können wir Verantwortung und Macht gerecht verteilen? Der Holländer Gerard Endenburg hat dafür erstmals ein Regelwerk entwickelt – das Soziokratische Kreismodell (SKM). Später kamen die Holokratie und die Soziokratie 3.0 (S3) dazu. Kennt ihr das auch: Organisationen, in denen der Kampf und das Misstrauen zwischen „denen da oben“ und „denen da unten“ herrscht? Dann entscheiden die Führungskräfte unter sich, was gemacht wird, und teilen unangenehme Entschlüsse lieber erst kurz vor knapp dem Rest der Belegschaft mit. Die sieht gar nicht ein, dass sie – aus ihrer Sicht unsinnige und einseitig getroffene – Entscheidungen umsetzen soll und boykottiert die Sache mal mehr und mal weniger. Wieso brauchen wir die Soziokratie? Wir haben das in der Verlagswelt leider nur allzu oft beobachtet, erlebt und – ja leider – auch mitgemacht. Irgendwann hat auch der Letzte verstanden: Wenn ich nicht ständig das Objekt sein will, das hin und her geschoben wird und über dessen Kopf hinweg andere entscheiden – dann muss ich Macht erlangen. Und das geht nur, wenn ich andere zum Objekt mache. Doch wenn wir mit anderen in einer Subjekt-Objekt-Beziehung stecken bleiben, kann nie ein echter Austausch, echtes Verständnis, Empathie und eine echte Verbindung entstehen. Oder anders gesagt: Wir werden nie wirklich miteinander voller Vertrauen und gutem Willen kooperieren können. Deshalb ist die Struktur öko-sozialer Organisationen von entscheidender Bedeutung. Denn was nützt es, wenn ein Unternehmen super öko-faire Produkte verkauft oder wenn eine NGO für einen guten Zweck kämpft – aber die Belegschaft voller Misstrauen, Angst oder gar Feindschaft ist, sich gegenseitig bekämpft und behindert? Solche Organisationen werden nie ihr volles Potential erreichen. Sie werden immer viel zu viel Zeit und Energie an eigentlich unsinnige Grabenkämpfe verlieren, anstatt sie in echte Veränderungen stecken zu können. Die Soziokratie als Lernort Doch leider steckt diese Subjekt-Objekt-Sichtweise tief in uns. Das bedeutet, dass sie zu unserer Gewohnheit geworden ist. Wir müssen nach und nach anders zu denken und zu handeln lernen. Aus diesem Grund sollte jede öko-soziale Organisation auch ein idealer Lernort sein, an dem Menschen genau das entdecken und üben können: Niemand anderen zum Objekt ihrer Anliegen, Bedürfnisse oder Ziele zu machen. Also niemanden zu etwas überreden, auszunutzen oder (durch sozialen Druck, ein schlechtes Gewissen oder etwas anderes) dazu zu zwingen, das zu tun oder zu sagen, was ich mir wünsche. Zu akzeptieren, dass ein „Nein“ zu einer meiner Bitten genauso wertvoll ist wie ein „Ja“. Wenn wir es schaffen, eine Organisation zu einem Ort zu machen, an dem die Menschen lernen können, dass Zusammenarbeit auch dann funktioniert, wenn die Bedürfnisse aller gleich wichtig sind. An dem ich nicht kämpfen muss. An dem mir die Erfüllung der Bedürfnisse anderer gleichermaßen am Herzen liegen kann, ohne dass ich befürchten muss, zu kurz zu kommen. Dann kann ein Projekt, eine Organisation oder ein Unternehmen in meinen Augen auch dann absolut erfolgreich sein, wenn es den eigentlichen Zweck seiner Unternehmung nicht erreicht – also die Kampagne nicht erfolgreich ist, das Unternehmen nicht profitabel oder das Projekt nicht verwirklichbar … Denn dann haben alle Beteiligten bei der Zusammenarbeit schon so viel wertvolle Erfahrungen gemacht, dass es sich aus diesem Grund schon gelohnt hat.Die Geschichte der SoziokratieEine Möglichkeit, wie wir Macht – vor allem Entscheidungsmacht – besser verteilen können, ist die Soziokratie. Ursprünglich hat der französische Philosoph und Soziologe August Comte diesen Begriff Anfang des 19. Jahrhunderts geprägt. Er wurde mitten in die Französische Revolution hineingeboren, erlebte die industrielle Revolution und die Gesellschaftsumbrüche, die damit einher gingen. Viele Menschen überlegten damals, wie sich die Bürgerinnen und Bürger besser, also gerechter organisieren könnten. Comte entwickelte dazu eine Theorie für eine inklusive Regierungsform und nannte sie „Soziokratie“.Später führte der amerikanische Soziologe Lester Frank Ward die Idee weiter zu einer idealen Gesellschaft. Im frühen 20. Jahrhundert entdeckte dann der holländische Friedensaktivist Kees Boeke diese Ideen für sich. Er gründete ein Internat, in dem er die soziokratischen Prinzipien erstmals praktisch umsetzte. In seinem Buch „Soziokratie: Demokratie – wie sie sein könnte“ beschreibt er:„Wir sind so an das Mehrheitsprinzip gewöhnt als einen notwendigen Teil der Demokratie gewöhnt, dass es schwierig ist, sich vorzustellen, irgend ein demokratisches System würde ohne dieses funktionieren. Es ist zutreffend, dass es besser ist Köpfe zu zählen, als diese zu zerstören. Und die Demokratie, sogar wie sie heutzutage ist, ist verglichen mit früheren Methoden zu empfehlen. Es hat sich aber herausgestellt, dass das Parteiensystem sehr weit davon entfernt ist, die Träume der Menschen von einer optimalen Demokratie zu unterstützen. Seine Schwachstellen sind klargeworden: endlose Debatten im Parlament, Großveranstaltungen, in denen die primitivsten Leidenschaften hervorgerufen werden, das Überstimmen individueller Sichtweisen durch Mehrheiten, unberechenbare und unglaubwürdige Wahlergebnisse, Regierungsangelegenheiten werden durch hartnäckige Minderheitenopposition ineffizient umgesetzt. Seltsame Missbräuche schleichen sich ein. Nicht nur kann eine Partei sich durch hinterhältige Methoden Stimmen verschaffen, sondern genauso, wie wir alle wissen, kann ein Diktator eine Wahl mit erstaunlichen Mehrheiten durch Einschüchterung gewinnen.“ (Boeke 1945)Boeke schrieb das unter dem Eindruck des Nationalsozialismus. Das Manuskript für dieses Buch hatte er in der Tasche, als er von den Nazis verhaftet wurde. Und dennoch liefert diese Textpassage durchaus Dinge, die wir in der heutigen Form unserer Demokratie wieder finden können …Gerard Endenburg und das soziokratische KreismodellGerard Endenburg war einer der Schüler, die die soziokratische Schule Boekes besuchten. Danach wurde er Ingenieur für Elektrotechnik und 1968 schließlich Geschäftsführer des elterlichen Betriebes „Endenburg Electrotechniek“. Seine Besonderheit war nun, dass er das Systemdenken mit der Idee der Soziokratie verband und daraus erstmals ein Regelwerk entwickelte, mit dem die Soziokratie auch in Gemeinschaften angewendet werden konnte, wo es keine speziellen persönlichen Bindungen gab – wie etwa in der Schule von Boeke oder bei der Religionsgemeinschaft der Qäker, die die Regeln Boekes ebenfalls anwandten. Seine Motivation war es, die Mitarbeiter zu mehr Verantwortung und das Unternehmen zum Erfolg zu führen. Und „wenn wir Verhalten verändern wollen, müssen wir das System verändern“, schreiben Barbara Strauch und Annewiek Reijmer in ihrem Buch über die Soziokratie.Dazu entwickelte Endenburg das sogenannte Soziokratische Kreismodell. Es hat vier Basisprinzipien:1. Prinzip: Entscheiden im KonsentDer Konsens, wie ihn Boeke in seiner Schule und die Qäker bei ihren Versammlungen anwendeten, funktioniert nach Endenburg nur, wenn die Menschen jahrelange gemeinsame Erfahrungen damit machen und sich in der dazu notwendigen Haltung üben. In einem Unternehmen, in dem Angestellte, Manager und Investoren gemeinsam Entscheidungen treffen müssen, würde das nicht funktionieren. Deshalb erdachte er in einer dreiwöchigen Klausur den sogenannten Konsent.Der entscheidende Unterschied: Dem Konsens liegt die Frage zugrunde: „Sind alle dafür?“ Beim Konsent lautet die Frage hingegen: „Hat jemand einen schwerwiegenden Einwand gegen diese Entscheidung?“. Wer diesen hat, muss ihn gut begründen können. Auf diese Weise dient jeder Einwand auch der Verbesserung des bisherigen Vorschlages. (Weitere Infos zu den unterschiedlichen Formen der Entscheidungsfindung liefert dir der Beitrag Entscheidungsfindung im Team: Konsens, Konsent & Co).2. Prinzip: Die KreisstrukturIn herkömmlichen Organisationen trifft das Management oder die Führung die grundlegenden Entscheidungen und delegiert deren Umsetzung von „oben“ nach „unten“. Im soziokratischen Kreismodell ist das anders. Hier setzt sich die Organisation aus vielen Gruppen – Kreise genannt – zusammen, in denen Manager*innen, Abteilungsleiter*innen und Angestellte gleichberechtigt im Konsent entscheiden. „Jeder Kreis in einer Organisation hat sein eigenes Ziel und plant seine eigene Arbeit, um Produktivität und Wirtschaftlichkeit sicherzustellen“, erklären Barbara Strauch und Annewiek Reijmer im bereits erwähnten Buch.3. Prinzip: Die doppelte VerknüpfungWeil die Anzahl von Menschen, die in einem Kreis zusammenkommen können, natürlich begrenzt ist, braucht es eine weitere Komponente, damit viele Menschen gemeinsam im Konsent Entscheidungen treffen können. Genauer gesagt braucht es ein System der Verbindungen zwischen den Kreisen. Weil aber eine Verbindung nicht ausreicht – das folgerte Endenburg auf Basis der Kybernetik – braucht es zwei Verbindungen: Die eine ist der von oben eingesetzt Leiter, der die Informationen von oben nach unten weitergibt. Die andere ist eine vom unteren Kreis gewählte Vertretung, die die Informationen von unten nach oben trägt. Diese doppelte Verknüpfung ist ganz wesentlich für die Soziokratie: Sie dient der Qualitätssicherung, denn sie ermöglicht Feedback-Schleifen. Diese braucht es, um ein sich selbst regulierendes System zu erhalten.Soziokratie in der PraxisSeit Endenburg das soziokratische Kreismodell (SKM) entwickelt hat, gibt es immer mehr Unternehmen, Bildungseinrichtungen und Organisationen, die sich nach diesen Prinzipien aufstellen. In der Praxis ist die ganze Sache natürlich noch viel komplexer, als hier in dieser Zusammenfassung angedeutet. Wer daran interessiert ist, das SKM selbst in die Tat umzusetzen, sollte sich genauer informieren – und im Idealfall auch einen externen Berater oder eine externe Beraterin engagieren, die Erfahrung mit dem SKM hat. Dafür gibt es entsprechende Ausbildungen.An dieser Stelle möchten wir auch noch kurz erwähnen, dass der amerikanische Unternehmer Brian Robertson das SKM in seiner Firma „Ternary Software Corporationdas“ zur sogenannten Holokratie (Holacracy) weiter entwickelt hat. Vor einigen Jahren gingen der Agile Coach Bernhard Bockelbrink und der Organisationsberater James Priest noch einen Schritt weiter: Sie kombinierten die Agile Arbeitsweise mit der Soziokratie und erschufen daraus die sogenannte Soziokratie 3.0 (oder kurz auch S3). Diese steht unter Creative Commons – alle können sie also lizenzfrei nutzen. Weitere Infos dazu findest du unter https://sociocracy30.orgLesetippSoziokratieKreisstrukturen als Organisationsprinzip zur Stärkung der Mitverantwortung des EinzelnenBarbara Strauch und Annewiek Reijmer. Mit einem Vorwort von Gerard EndenburgISBN 978-3-8006-5416-1, Vahlen Verlag, 29,80 EuroBestellen bei buch7.de

Entscheidungsfindung im Team: Konsens, Konsent & Co

Konsens Konsent Systemischens Konsensieren

Elena Tzara: Die Veränderung beginnt in uns

Elena Tzara

Liberating Structures: Besser kooperieren

33 Mikrostrukturen für besseres Team-Work

Moderationsmethoden für Meetings

individuell sozial

Art of Hosting: Die Kunst des Gastgebens und Erntens guter Gespräche
Art of Hosting

Sinnvolle und ergebnissreiche Gespräche in Gruppen führen

Wie können wir gemeinsam tiefe, gute Gespräche führen? Gespräche, die zu gegenseitigem Verständnis und kreativen Lösungen führen? Die Mitglieder der weltweiten Community „Art of Hosting“ üben genau das mit Hilfe kreativer Gruppenmethoden. Viele Menschen, mit denen wir über die Herausforderungen unserer Zeit sprechen, nennen als eine der größten Schwierigkeiten, dass wir in unserer Gesellschaft unsere Diskursfähigkeit mehr und mehr verlieren. Das bedeutet, dass es uns immer schwerer fällt, mit Menschen anderer Meinung in einen fruchtbaren und ergebnisreichen Dialog zu treten. Es wäre also ziemlich hilfreich, wenn wir das lernen und üben würden. Die Mitglieder der weltweiten Bewegung „Art of Hosting“ tun genau dies: Sie üben die Kunst des Gastgebens – und damit der Kunst, gute Gespräche (unter den Gästen) zu fördern. Was ist Art of Hosting? Auf diese Frage gibt es viele Antworten – zumindest, wenn man die Vertreter der Bewegung fragt. Die einen sprechen davon, dass es sich dabei um eine bestimmte Haltung oder Philosophie handelt. Nämlich die einer Gastgeberin oder eines Gastgebers, die oder der seinen Gästen die bestmögliche Umgebung schaffen möchte. Eine Umgebung, in der Vertrauen, Wohlfühlen und eben auch gute Gespräche möglich sind. Für andere ist es eine Art Betriebssystem, um in selbstorganisierten Netzwerken und Organisationen eine partizipative und lebendige Führung auszuprobieren. Die Methoden des Art of Hosting Für weitere Menschen ist Art of Hosting ein Set an Dialog- und Großgruppenmethoden. Allen voran kommen dabei die folgenden Moderationsmethoden zum Einsatz: World Café OpenSpace Appreciative Inquiry Außerdem finden die meisten Gespräche in Form von Kreisgesprächen statt. Das bedeutet: Alle sitzen in einem Kreis. Es gibt einen Redestein oder etwas ähnliches. Und wer diesen Gegenstand hat, redet. Alle anderen hören zu und sind still. Allerdings entwickelt die Community ihre eigenen Praktiken immer weiter. Weitere Methoden, die die Art-Of-Hosting-Mitglieder anwenden sind: Action learning Collective mind-mapping Collective Story Harvest Pro Action Café Graphic Facilitation Theorie U [weitere Infos] Der Prozess des Art of Hosting Außerdem beschreibt Art of Hosting auch eine bestimmte Prozessgestaltung (ähnlich wie auch beim Design Thinking). Dabei gibt es Phasen, in denen in die Breite gedacht wird (diverses Denken mit entsprechenden Methoden). Und es gibt Phasen, in denen destilliert, analysiert und ausgewählt wird (divergentes Denken). Ein wichtiges Prozess-Element des Art of Hosting ist zudem die sogenannte „Ernte“ (Harvesting). Das bedeutet, dass die Gespräche immer wieder ausgewertet und die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst und dokumentiert werden. Außerdem steht beim Harvesting immer auch die Frage im Raum: Wie kann unsere Ernte Anstoss für Gespräche in der Zukunft oder Anlass für weitere Treffen sein – auch mit Personen, die beim Treffen nicht anwesend sind? Art of Hosting in der Praxis Art of Hosting wird mittlerweile in vielen Bereichen angewandt. Zum Beispiel gibt es Gruppen, die Art of Hosting im Bildungsbereich, im Gesundheitswesen, im öffentlichen Dienst, in NGOs, in Gemeinschaften, in Unternehmen und auch im privaten Bereich (z.B. in der Familie) anwenden. Mein Fazit Wer sich in den o.g. Methoden schon auskennt, der weiß auch wie Art of Hosting geht. Für erfahrene Moderator*innen und Facilitator*innen gibt es hinsichtlich der Methoden selbst sicherlich nicht wahnsinnig viel neues zu lernen. Vielmehr ist die Community der Gewinn."Denn unter dem 'Eisberg der Methoden' verbergen sich Haltungen, Praktiken, Modelle, die viele Moderator*innen noch nicht kennen und die erst im Austausch mit anderen Praktikern sichtbar und bewusst werden", meint Art-of-Hosting-Mitglied Frauke Godat. Dazu arbeitet die Community mit dem Ansatz "Community of Practice" nach E. Wenger). "Wir generieren also gemeinsam Wissen aus der Alltagspraxis und da gibt es immer etwas zu lernen", so Frauke Godat. Was mir besonders gut gefällt ist, dass hier vor allem Leute aus den unterschiedlichsten Bereichen zusammenkommen. Oft sind das keine professionellen Moderator*innen oder Facilitator*innen. Sondern es sind Menschen, die diese Methoden und Prozesse für einen ganz bestimmten Zweck lernen und üben wollen. So kommt es zu einem sehr spannenden und weitreichenden Austausch.Art of Hosting lernenWenn du dich dafür interessierst, Art of Hosting zu üben, zu praktizieren und weiter zu entwickeln, dann such am besten nach einem Workshop in deiner Nähe. Außerdem gibt es Gruppen von Art-of-Hosting-Mitgliedern, die zusammenkommen, um verschiedene Methoden auszuprobieren. Hier eine Liste der deutschen Communitys.Die Website: http://www.artofhosting.org/de/

Konsens: Entscheidungsfindung im Team

Wie Konsens funktioniert und was ihn ausmacht