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Premium-Kollektiv: Wirtschaft anders machen

Premium-Kollektiv: Wirtschaft anders machen

Elena Tzara im Gespräch über das Premium-Kollektiv

Premium-Kollektiv: Wirtschaft anders machen

Elena Tzara ist ein kreativer Mensch, der Lust auf Abwechslung hat und ihr Leben in Kollektiven und Gemeinschaften organisiert: Sie lebt in einem Wohnprojekt in Hamburg-St.-Pauli, hat die Organisation Foodsharing mitgegründet und arbeitet für das Premium-Kollektiv. Sie weiß also, wie man kooperativ etwas auf die Beine stellt. Dazu haben wir sie befragt …

Wie bist du zum Leben und Arbeiten in Gemeinschaft gekommen?

Ich habe damals in Berlin die Plattform Foodsharing.de – die da noch Lebensmittelretten.de hieß – mitgegründet. Foodsharing ist eine Community, die Lebensmittel rettet. Sie verhindert also, dass diese weggeworfen werden und verteilt sie. Ich habe im ersten Jahr im Geldstreik gelebt. Auch um deutlich zu machen, wie verrückt das ist, in was für einem Überfluss wir hier in Deutschland leben. Dass mensch in dieser Gesellschaft nur von dem Ausschuss leben kann. Und gleichzeitig auch, dass es ein extrem starkes Gefälle gibt zwischen den Menschen, die so etwas aus freien Stücken wählen und denen, die sich gezwungen und dadurch degradiert fühlen, karitative Angebote annehmen zu müssen. Eine Überwindung dieser Klassenverhältnisse und Begegnungen auf Augenhöhe hat unsere Gesellschaft dringend nötig.

So habe ich mich in Richtung Non-Profit-Organisationen und alternative Unternehmensformen orientiert. 2014 habe ich dann das Premium-Kollektiv kennengelernt und dort, parallel zu meinem Engagement bei Foodsharing, angefangen. Wir stellen Cola, Limonade, Mate und Bier her. Das Besondere am Premium-Kollektiv ist, dass alle Mitarbeiter*innen, Partner*innen und Kund*innen alles gemeinsam entscheiden. Das finde ich sehr spannend, weil es für mich eine Lücke schließt. Ich habe immer schon gemerkt, dass es mir mehr Freude macht wenn ich an etwas arbeiten kann, dass in irgendwas Großem endet. Und die aktuelle kapitalistische und am Wachstum orientierte Wirtschaft ist für mich ganz klar eines der größten Probleme, die wir zurzeit haben und die dringende Wandelprozesse erschwert.

Lange stand ich vor der Frage: Wie ändern wir die Wirtschaft? Das ist einfach superschwierig und sehr abstrakt für einen kleinen Menschen. Und dann habe ich das Premium-Kollektiv kennengelernt und hatte sofort das Gefühl, dass ich hier an einem Modellprojekt mitarbeiten kann, das beweist, dass heute schon alles anders gemacht werden kann. Würden das viele Unternehmen machen, es Teil gesellschaftlicher Normalität werden und es dann schlussendlich auch entsprechende Gesetze geben, dann hätten wir eine komplett andere Welt.

Elena Tzara über das Leben und Arbeiten im Kollektiv

Was läuft im Premium-Kollektiv anders?

Formal gesehen ist das Premium-Kollektiv ein Getränkehersteller. Aber in Wirklichkeit sagen viele von uns, dass das Premium-Kollektiv eigentlich eher der Beweis, dass Wirtschaft auch anders gemacht werden kann – und dass das der eigentliche Mehrwert des Unternehmens ist. Deshalb werden wir auch sehr viel angefragt für Workshops, Vorträge und Beratungsleistungen. So können wir weitergeben, was wir in den über 17 Jahren Premium-Kollektiv gelernt haben.

Gegründet hat es Uwe Lübbermann mehr oder weniger aus Versehen. Er hatte eine Protestgruppe initiiert, die sich gegen eine Rezeptänderung eingesetzt hat – jedoch wurden diese langjährigen, treuen Kund*innen vom Unternehmen in ihrem Protest nicht ernst genommen. Sie haben dann einen Tipp bekommen, wie sie das Getränk selbst abfüllen lassen können. Daraufhin gab es eine Umfrage, bei der alle angeben konnten, wie viele Flaschen sie wollten – und auf einmal hatten sie ein Produkt. Dann waren die Flaschen leer, es sollten neue produziert werden und auf einmal war da ein Unternehmen, das Entscheidungen forderte: Wie teuer ist denn die Flasche? Wie sieht sie aus? Und wie werden die Leute bezahlt, die dafür arbeiten? Und so weiter.

Nun gab es von Anfang an den Ansatz, es ganz anders zu machen als der zuvor bekämpfte Getränkehersteller. Und das Ganze als Projekt auf die Spitze zu treiben. So entstand die Idee, dass alle Entscheidungen im Konsent getroffen werden sollten. Und zwar nicht nur unternehmensintern, sondern mit allen Beteiligten. Also mit allen, die irgendwie von dem Produkt betroffen sind: Die Endkund*innen, die Abfüller*innen, die Spediteur*innen. Und das konsentdemokratisch über alle Belange des Unternehmens. Viele Leute denken »Wie soll das denn gehen? Das fährt doch direkt gegen die Wand!« Aber es hat sich gezeigt: Das ist möglich! Und nach 17 Jahren, in denen sich das Premium-Kollektiv in einem so konkurrenzstarken Markt wie der Getränkebranche behauptet hat, kann sicherlich gesagt werden: der Beweis steht, dass das funktionieren kann.

Das Premium-Kollektiv ist seitdem langsam, aber stetig gewachsen. Das ist deshalb interessant, weil das Unternehmen von sich eigentlich von einer Wachstumslogik entkoppelt ist. Alle, die bei Premium arbeiten, arbeiten dort für einen Einheitslohn und es gibt keine klassischen Besitzer*innen. Natürlich müssen wir formale Strukturen einhalten, aber Entscheidungsmacht oder Gewinnabschöpfung einzelner Personen sind bei uns ausgehebelt.

Wenn das Premium-Kollektiv wächst, ist das natürlich trotzdem schön, weil sich die Vision verbreitet und mehr Menschen für das Premium-Kollektiv arbeiten können. Als ich 2014 dazu kam, waren wir fünf Leute. Jetzt sind wir elf, die zentral in einer Art Orga-Rat die Aufgabe haben, Premium als Projekt auf Kurs zu halten. Drum herum gibt es etwa 30 Sprecher*innen, die lokale Kontakte sind. Und dann gibt es 1.700 gewerbliche Partner*innen, die mal mehr und mal weniger eng mit uns zusammenarbeiten. Sie alle sind eingeladen, gemeinsam mit uns zu entscheiden. Auch die mehreren zehntausend Endkund*innen.

Eine Mischung aus diesen Interessensgruppen findet sich im sogenannten Board wieder. Das ist unser Online-Forum. Die Mitglieder bezeichnen wir als Kollektivist*innen. Aktuell gibt es etwa 250, die von ihrem Recht Gebrauch machen, mitzureden.

Was ist deine Aufgabe bei Premium?

Wir haben keine festen Positionen, sondern verschiedene Aufgabengebiete. Und die können auch sehr fluide sein. Also wenn jemand von uns zum Beispiel sagt, dass die Person gerne Buchhaltung lernen würde, dann wird sie eingearbeitet um einige Aufgaben von der bisherigen Buchhalterin zu übernehmen. Ich mache sehr gerne neue Sachen. Wenn die zu Alltagsaufgaben werden, dann gebe ich die gerne wieder ab. Deshalb habe ich sehr viel gewechselt.

Ich habe zum Beispiel ein lokales Einladungssystem etabliert, mit dem Kollektivist*innen und andere Interessierte zu lokalen und kostenfreien Veranstaltungen eingeladen werden. Oder ich habe das Board für die Kommunikation innerhalb des Kollektivs eingerichtet, zudem wir von der damaligen Mailling-Liste gewechselt sind. Außerdem habe ich die wissenschaftlichen Arbeiten, die es über das Premium-Kollektiv gibt, strukturiert. Das sind bisher über 100 wissenschaftliche Arbeiten insgesamt.

Das heißt, du suchst dir etwas, was du gerne machen möchtest – und dann entscheidet ihr im Konsent, ob das klargeht?

Das klingt jetzt sehr einfach. Ein bisschen schwieriger ist es natürlich schon. Denn natürlich stellen wir uns die Frage: Brauchen wir das wirklich? Da muss mensch schon etwas beharrlich sein und überzeugen. Aber ja, im Endeffekt kann jede*r neue Ideen vorschlagen und wenn niemand etwas dagegen hat, diese dann umsetzen.

Insgesamt können wir beim Premium-Kollektiv sehr, sehr flexibel arbeiten. Nicht nur, was die Aufgabenbereiche angeht, sondern auch weil wir örtlich und zeitlich ungebunden sind. Wir stellen uns frei, was wir arbeiten wollen, wann wir arbeiten wollen und wie viel wir arbeiten wollen. Das Premium-Kollektiv hat das Kredo „Die Arbeit richtet sich nach dem Menschen“. Also schauen wir immer, dass es für die Menschen auch tatsächlich passt. Einige haben regelmäßige Aufgaben mit einem regelmäßigen Einkommen. Andere arbeiten flexibler.

Mir war zum Beispiel wichtiger, dass ich im Sommer weniger und im Winter mehr arbeiten kann. Und ich brauche nicht so viel Geld zum Leben. Aber wir alle arbeiten mit einem Einheitslohn, rechnen stundenweise und auf Vertrauensbasis ab. Also wir alle rechnen unsere Stunden selbst zusammen. Keiner kontrolliert das. Denn es würde früher oder später auffallen, wenn jemand das System ausnutzt. Also macht es wenig Sinn alle zu kontrollieren, nur weil es vielleicht mal eine Person geben könnte, die mit so viel Vertrauen nicht umgehen kann.

Das klingt sehr utopisch. Wie entsteht denn so eine Gemeinschaft voller Vertrauen?

Das braucht meiner Meinung nach vor allem zwei Sachen: Das eine ist eine gemeinsame Vision. Also ein Ziel, auf das mensch sich einigen kann. Das muss nicht identisch sein. Beim Premium-Kollektiv gibt es immer wieder unterschiedliche Blickwinkel. Manche Leute wollen in einem Unternehmen arbeiten, das korrekt ist und Menschen gleichwertig behandelt. Andere wollen ein cooles Getränk machen. Und die nächsten wollen die Weltwirtschaft verändern. Das geht auch, wenn diese Visionen kompatibel sind. Erst wenn sich etwas gegenseitig widerspricht, wird es schwierig.

Das zweite ist, dass Menschen auf jeden Fall an sich selbst und an ihrer Teamfähigkeit arbeiten müssen. Das ist heute leider etwas, was wir selten wirklich lernen. Auch an Schulen. Kinder werden hier oft auf Konkurrenz und sich Durchsetzen getrimmt – und nicht darauf, dass sie Dinge gemeinsam lösen können. Doch wir Menschen müssen erkennen, dass sich unsere Ziele nur umsetzen lassen, wenn wir andere Menschen mitnehmen.

Das ist beim Premium-Kollektiv auch der Witz am Konsent: der ist nur zu erreichen, wenn bei Vorschlägen der Bedarf aller am Projekt beteiligten Menschen mitbedacht wird. Ansonsten wirst du nur Dinge vorschlagen, die abgeblockt werden. Dann bist du frustriert und die anderen sind frustriert. Wenn es dir jedoch gelingt, alle einzubeziehen, dann kannst du gute Entscheidungen treffen und dann wirst du damit auch zufrieden sein. Dieser Prozess bewirkt, dass Entscheidungen viel nachhaltiger sind. Sie sind umsichtiger, als hätte jemand alleine entschieden. Und sie sind effizienter. Das hat eine Doktorarbeit herausgefunden. Wir brauchen zwar etwas länger in der Entscheidungsfindung, aber diese haben dann eine deutlich längere Haltbarkeit. Im Endeffekt bringen sie uns tatsächlich dorthin, wo wir hinmöchten.

Schließlich ist es wichtig, dass bei Gruppenprozessen Moderationstechniken anwendet werden. Das ist super einfach und jeder kann sie verstehen. Trotzdem werden sie immer wieder außer Acht gelassen. Das sind so einfach Dinge, wie dass mensch sich gegenseitig wirklich ausreden lässt, dass mensch aufeinander hört, dass niemand versucht die Leute umzubiegen. So etwas zieht viel Energie von allen. Aber auch Selbstreflexion ist wichtig. Eher laute und dominante Personen müssen lernen, sich aktiv zurückzunehmen. Leisere Personen müssen wirklich den Mut aufbringen, sich zu äußern und sich einzubringen. Denn wer sich nicht einbringt, kann auch den Prozess nicht mit gestalten.

Was ist deine Utopie von Wirtschaft?

Die geht in die Richtung "Think global, act local". Das heißt, wir würden die globale Perspektive im Blick haben, aber im Lokalen handeln. Wirtschaft soll im Endeffekt ja Bedürfnisse befrieden. Sie ist ein großer Umschlagplatz, um zu zeigen, was es gibt und zu suchen, was gebraucht wird. Doch davon hat sich die Wirtschaft heute weit entfernt. Die derzeitige Macht- und Ressourcenakkumulation hat mit dieser Marktplatzidee überhaupt nichts mehr zu tun. Wenn wir jedoch die Entscheidungs-, Besitz- und Machtverhältnisse verändern, folgt fast automatisch ein System, bei dem Menschen das bekommen, was sie brauchen. Das zeigt das Premium-Kollektiv. Wahrscheinlich bekommt jede*r zwar weniger. Doch dieser jetzige Überfluss ist eine Vorstellung, von der sich Menschen lösen können.

Gleichzeitig würden wir weder unsere Mitmenschen noch die Natur ausbeuten. Das ist wieder dieser Gemeinschaftsaspekt: Wir müssen uns als einen kleinen Teil von etwas Größerem verstehen. Uns müsste das Wohl der Anderen viel mehr am Herzen liegen. Dieses Gemeinschaftliche gäbe es in einer utopischen Wirtschaft.

Wie kommen wir dahin?

Die Gesellschaft hat sich immer verändert. Deshalb ist es auch gar nicht so utopisch dorthin zu kommen. Wie wir Gemeinschaft oder Arbeit definieren, wie wir leben oder was wir als wichtig erachten, hat sich immer schon entwickelt. Das ist alleine durch aktuelle Tendenzen wie Urbanisierung oder Digitalisierung spürbar.

Natürlich gibt es auch viele Horrorszenarien der Zukunft. Aber das ist nicht die einzige Option. Wir müssen uns den Glauben erhalten, dass wir eine positive Zukunft gestalten können. Sonst würde es sich ja gar nicht lohnen, sich für irgendetwas einzusetzen oder überhaupt noch Kinder zu kriegen – und es würde deutlich schwerer sein, ein glückliches Leben zu führen. Aber genau diese Energie aus einem zufriedenen Leben brauchen wir für den Wandel!

Damit wir noch rechtzeitig einer positiven Zukunft entgegensteuern können, reicht es jedoch nicht einfach nur ein bisschen grüner zu konsumieren oder ein paar politische Mechanismen gegen den Klimawandel einzusetzen. Dazu brauchen wir einen grundlegenden Wandel, wie Menschen sich und ihre Umwelt wahrnehmen. Wir Menschen müssen lernen anders zusammenarbeiten. Wir müssen aufhören zu einer Arbeit zu gehen, die uns viel Energie zieht, aber wenig gibt. Dafür brauchen wir dringend gute Alternativen die nicht nur sowieso privilegierten, sondern allen Menschen zugänglich sind.

Wir hätten eine andere Welt, würden wir Menschen in sich gegenseitig stärkenden Gemeinschaften zusammen leben. Und auch in ähnlichen Kontexten arbeiten, die uns Energie geben. Wenn wir es uns vielleicht auch leisten könnten, weniger Zeit in Erwerbsarbeit zu stecken, dann hätten wir genug Zeit, um die Welt umzubauen.

Auf der persönlichen Ebene sollten wir aber in der Zusammenarbeit mit Anderen die kleinen Mikrokosmen erschaffen, die jeder Mensch braucht. Und Menschen, die in Gemeinschaften auf Augenhöhe zusammenkommen, entwickeln ein gemeinsames Gefühl davon, was ethisch korrekt ist und was nicht. Das was uns nah ist, ist immer unser Referenzrahmen. Und Menschen deren Lebensrealitäten wir einsehen und nachvollziehen können, denen vertrauen wir. Dann ist auch die Gleichwertigkeit von Menschen kein rein abstraktes Konstrukt mehr. So können wir ein größeres Gefühl von Freiheit durch Geborgenheit erfahren, als sich viele Menschen das heute vorstellen können.

Das Premium-Kollektiv

Das Premium-Kollektiv umfasst theoretisch alle, die in irgendeiner Weise an der Herstellung der Getränke beteiligt sind: Hersteller*innen, Spediteur*innen, Händler*innen, Gastronom*innen und insbesondere auch Konsument*innen. Kurz: alle, die mal eine Flasche getrunken haben, können mitlesen und -reden. Theoretisch zumindest.

Praktisch können nur die Menschen mitentscheiden, die mindestens einen vorhandenen Kollektivisten persönlich kennengelernt haben und für okay befunden wurden (immerhin öffnen das Premium-Kollektiv u.a. auch sein Bankkonto). Weitere Infos zum Premium-Kollektiv findest du auch unter:

https://www.premium-cola.de/kollektiv

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