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#Organisationsstruktur in Kreisen

Soziokratie
Soziokratie, Holokratie und S3

Wie können sich Organisationen anders als in Hierarchien organisieren? Wie können wir Verantwortung und Macht gerecht verteilen? Der Holländer Gerard Endenburg hat dafür erstmals ein Regelwerk entwickelt – das Soziokratische Kreismodell (SKM). Später kamen die Holokratie und die Soziokratie 3.0 (S3) dazu. Kennt ihr das auch: Organisationen, in denen der Kampf und das Misstrauen zwischen „denen da oben“ und „denen da unten“ herrscht? Dann entscheiden die Führungskräfte unter sich, was gemacht wird, und teilen unangenehme Entschlüsse lieber erst kurz vor knapp dem Rest der Belegschaft mit. Die sieht gar nicht ein, dass sie – aus ihrer Sicht unsinnige und einseitig getroffene – Entscheidungen umsetzen soll und boykottiert die Sache mal mehr und mal weniger. Wieso brauchen wir die Soziokratie? Wir haben das in der Verlagswelt leider nur allzu oft beobachtet, erlebt und – ja leider – auch mitgemacht. Irgendwann hat auch der Letzte verstanden: Wenn ich nicht ständig das Objekt sein will, das hin und her geschoben wird und über dessen Kopf hinweg andere entscheiden – dann muss ich Macht erlangen. Und das geht nur, wenn ich andere zum Objekt mache. Doch wenn wir mit anderen in einer Subjekt-Objekt-Beziehung stecken bleiben, kann nie ein echter Austausch, echtes Verständnis, Empathie und eine echte Verbindung entstehen. Oder anders gesagt: Wir werden nie wirklich miteinander voller Vertrauen und gutem Willen kooperieren können. Deshalb ist die Struktur öko-sozialer Organisationen von entscheidender Bedeutung. Denn was nützt es, wenn ein Unternehmen super öko-faire Produkte verkauft oder wenn eine NGO für einen guten Zweck kämpft – aber die Belegschaft voller Misstrauen, Angst oder gar Feindschaft ist, sich gegenseitig bekämpft und behindert? Solche Organisationen werden nie ihr volles Potential erreichen. Sie werden immer viel zu viel Zeit und Energie an eigentlich unsinnige Grabenkämpfe verlieren, anstatt sie in echte Veränderungen stecken zu können. Die Soziokratie als Lernort Doch leider steckt diese Subjekt-Objekt-Sichtweise tief in uns. Das bedeutet, dass sie zu unserer Gewohnheit geworden ist. Wir müssen nach und nach anders zu denken und zu handeln lernen. Aus diesem Grund sollte jede öko-soziale Organisation auch ein idealer Lernort sein, an dem Menschen genau das entdecken und üben können: Niemand anderen zum Objekt ihrer Anliegen, Bedürfnisse oder Ziele zu machen. Also niemanden zu etwas überreden, auszunutzen oder (durch sozialen Druck, ein schlechtes Gewissen oder etwas anderes) dazu zu zwingen, das zu tun oder zu sagen, was ich mir wünsche. Zu akzeptieren, dass ein „Nein“ zu einer meiner Bitten genauso wertvoll ist wie ein „Ja“. Wenn wir es schaffen, eine Organisation zu einem Ort zu machen, an dem die Menschen lernen können, dass Zusammenarbeit auch dann funktioniert, wenn die Bedürfnisse aller gleich wichtig sind. An dem ich nicht kämpfen muss. An dem mir die Erfüllung der Bedürfnisse anderer gleichermaßen am Herzen liegen kann, ohne dass ich befürchten muss, zu kurz zu kommen. Dann kann ein Projekt, eine Organisation oder ein Unternehmen in meinen Augen auch dann absolut erfolgreich sein, wenn es den eigentlichen Zweck seiner Unternehmung nicht erreicht – also die Kampagne nicht erfolgreich ist, das Unternehmen nicht profitabel oder das Projekt nicht verwirklichbar … Denn dann haben alle Beteiligten bei der Zusammenarbeit schon so viel wertvolle Erfahrungen gemacht, dass es sich aus diesem Grund schon gelohnt hat.Die Geschichte der SoziokratieEine Möglichkeit, wie wir Macht – vor allem Entscheidungsmacht – besser verteilen können, ist die Soziokratie. Ursprünglich hat der französische Philosoph und Soziologe August Comte diesen Begriff Anfang des 19. Jahrhunderts geprägt. Er wurde mitten in die Französische Revolution hineingeboren, erlebte die industrielle Revolution und die Gesellschaftsumbrüche, die damit einher gingen. Viele Menschen überlegten damals, wie sich die Bürgerinnen und Bürger besser, also gerechter organisieren könnten. Comte entwickelte dazu eine Theorie für eine inklusive Regierungsform und nannte sie „Soziokratie“.Später führte der amerikanische Soziologe Lester Frank Ward die Idee weiter zu einer idealen Gesellschaft. Im frühen 20. Jahrhundert entdeckte dann der holländische Friedensaktivist Kees Boeke diese Ideen für sich. Er gründete ein Internat, in dem er die soziokratischen Prinzipien erstmals praktisch umsetzte. In seinem Buch „Soziokratie: Demokratie – wie sie sein könnte“ beschreibt er:„Wir sind so an das Mehrheitsprinzip gewöhnt als einen notwendigen Teil der Demokratie gewöhnt, dass es schwierig ist, sich vorzustellen, irgend ein demokratisches System würde ohne dieses funktionieren. Es ist zutreffend, dass es besser ist Köpfe zu zählen, als diese zu zerstören. Und die Demokratie, sogar wie sie heutzutage ist, ist verglichen mit früheren Methoden zu empfehlen. Es hat sich aber herausgestellt, dass das Parteiensystem sehr weit davon entfernt ist, die Träume der Menschen von einer optimalen Demokratie zu unterstützen. Seine Schwachstellen sind klargeworden: endlose Debatten im Parlament, Großveranstaltungen, in denen die primitivsten Leidenschaften hervorgerufen werden, das Überstimmen individueller Sichtweisen durch Mehrheiten, unberechenbare und unglaubwürdige Wahlergebnisse, Regierungsangelegenheiten werden durch hartnäckige Minderheitenopposition ineffizient umgesetzt. Seltsame Missbräuche schleichen sich ein. Nicht nur kann eine Partei sich durch hinterhältige Methoden Stimmen verschaffen, sondern genauso, wie wir alle wissen, kann ein Diktator eine Wahl mit erstaunlichen Mehrheiten durch Einschüchterung gewinnen.“ (Boeke 1945)Boeke schrieb das unter dem Eindruck des Nationalsozialismus. Das Manuskript für dieses Buch hatte er in der Tasche, als er von den Nazis verhaftet wurde. Und dennoch liefert diese Textpassage durchaus Dinge, die wir in der heutigen Form unserer Demokratie wieder finden können …Gerard Endenburg und das soziokratische KreismodellGerard Endenburg war einer der Schüler, die die soziokratische Schule Boekes besuchten. Danach wurde er Ingenieur für Elektrotechnik und 1968 schließlich Geschäftsführer des elterlichen Betriebes „Endenburg Electrotechniek“. Seine Besonderheit war nun, dass er das Systemdenken mit der Idee der Soziokratie verband und daraus erstmals ein Regelwerk entwickelte, mit dem die Soziokratie auch in Gemeinschaften angewendet werden konnte, wo es keine speziellen persönlichen Bindungen gab – wie etwa in der Schule von Boeke oder bei der Religionsgemeinschaft der Qäker, die die Regeln Boekes ebenfalls anwandten. Seine Motivation war es, die Mitarbeiter zu mehr Verantwortung und das Unternehmen zum Erfolg zu führen. Und „wenn wir Verhalten verändern wollen, müssen wir das System verändern“, schreiben Barbara Strauch und Annewiek Reijmer in ihrem Buch über die Soziokratie.Dazu entwickelte Endenburg das sogenannte Soziokratische Kreismodell. Es hat vier Basisprinzipien:1. Prinzip: Entscheiden im KonsentDer Konsens, wie ihn Boeke in seiner Schule und die Qäker bei ihren Versammlungen anwendeten, funktioniert nach Endenburg nur, wenn die Menschen jahrelange gemeinsame Erfahrungen damit machen und sich in der dazu notwendigen Haltung üben. In einem Unternehmen, in dem Angestellte, Manager und Investoren gemeinsam Entscheidungen treffen müssen, würde das nicht funktionieren. Deshalb erdachte er in einer dreiwöchigen Klausur den sogenannten Konsent.Der entscheidende Unterschied: Dem Konsens liegt die Frage zugrunde: „Sind alle dafür?“ Beim Konsent lautet die Frage hingegen: „Hat jemand einen schwerwiegenden Einwand gegen diese Entscheidung?“. Wer diesen hat, muss ihn gut begründen können. Auf diese Weise dient jeder Einwand auch der Verbesserung des bisherigen Vorschlages. (Weitere Infos zu den unterschiedlichen Formen der Entscheidungsfindung liefert dir der Beitrag Entscheidungsfindung im Team: Konsens, Konsent & Co).2. Prinzip: Die KreisstrukturIn herkömmlichen Organisationen trifft das Management oder die Führung die grundlegenden Entscheidungen und delegiert deren Umsetzung von „oben“ nach „unten“. Im soziokratischen Kreismodell ist das anders. Hier setzt sich die Organisation aus vielen Gruppen – Kreise genannt – zusammen, in denen Manager*innen, Abteilungsleiter*innen und Angestellte gleichberechtigt im Konsent entscheiden. „Jeder Kreis in einer Organisation hat sein eigenes Ziel und plant seine eigene Arbeit, um Produktivität und Wirtschaftlichkeit sicherzustellen“, erklären Barbara Strauch und Annewiek Reijmer im bereits erwähnten Buch.3. Prinzip: Die doppelte VerknüpfungWeil die Anzahl von Menschen, die in einem Kreis zusammenkommen können, natürlich begrenzt ist, braucht es eine weitere Komponente, damit viele Menschen gemeinsam im Konsent Entscheidungen treffen können. Genauer gesagt braucht es ein System der Verbindungen zwischen den Kreisen. Weil aber eine Verbindung nicht ausreicht – das folgerte Endenburg auf Basis der Kybernetik – braucht es zwei Verbindungen: Die eine ist der von oben eingesetzt Leiter, der die Informationen von oben nach unten weitergibt. Die andere ist eine vom unteren Kreis gewählte Vertretung, die die Informationen von unten nach oben trägt. Diese doppelte Verknüpfung ist ganz wesentlich für die Soziokratie: Sie dient der Qualitätssicherung, denn sie ermöglicht Feedback-Schleifen. Diese braucht es, um ein sich selbst regulierendes System zu erhalten.Soziokratie in der PraxisSeit Endenburg das soziokratische Kreismodell (SKM) entwickelt hat, gibt es immer mehr Unternehmen, Bildungseinrichtungen und Organisationen, die sich nach diesen Prinzipien aufstellen. In der Praxis ist die ganze Sache natürlich noch viel komplexer, als hier in dieser Zusammenfassung angedeutet. Wer daran interessiert ist, das SKM selbst in die Tat umzusetzen, sollte sich genauer informieren – und im Idealfall auch einen externen Berater oder eine externe Beraterin engagieren, die Erfahrung mit dem SKM hat. Dafür gibt es entsprechende Ausbildungen.An dieser Stelle möchten wir auch noch kurz erwähnen, dass der amerikanische Unternehmer Brian Robertson das SKM in seiner Firma „Ternary Software Corporationdas“ zur sogenannten Holokratie (Holacracy) weiter entwickelt hat. Vor einigen Jahren gingen der Agile Coach Bernhard Bockelbrink und der Organisationsberater James Priest noch einen Schritt weiter: Sie kombinierten die Agile Arbeitsweise mit der Soziokratie und erschufen daraus die sogenannte Soziokratie 3.0 (oder kurz auch S3). Diese steht unter Creative Commons – alle können sie also lizenzfrei nutzen. Weitere Infos dazu findest du unter https://sociocracy30.orgLesetippSoziokratieKreisstrukturen als Organisationsprinzip zur Stärkung der Mitverantwortung des EinzelnenBarbara Strauch und Annewiek Reijmer. Mit einem Vorwort von Gerard EndenburgISBN 978-3-8006-5416-1, Vahlen Verlag, 29,80 EuroBestellen bei buch7.de