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#Wie Konsens funktioniert und was ihn ausmacht

Konsens: Entscheidungsfindung im Team
Konsens finden im Team: So geht's

Beim Konsens versucht die Gruppe eine Entscheidung zu finden, die für alle akzeptabel ist. Wie das geht und wo es so manchen Haken gibt, beschreiben wir hier. Wer kennt das nicht: In einer Gruppe bilden sich nur allzu schnell inoffizielle und unausgesprochene Hierarchien aus. Dann werden im Hintergrund die Strippen gezogen und wer am Lautesten und rhetorisch begabtesten ist, der hat größere Chancen, Entscheidungen in der Gruppe nach dem Mehrheitsprinzip zu seinen oder ihren Gunsten zu kippen. Das Verfahren des Konsens soll dem entgegen wirken. Hier kann eine Entscheidung nur dann getroffen werden, wenn er für alle okay ist. Die Frage dabei lautet „Sind alle dafür?“. Dabei fängt man in der Regel mit einem relativ breit angelegten Vorschlag für eine Entscheidung an und bearbeitet diese gemeinsam so lange, bis alle Einwände einbezogen und die Lösung für alle tragbar ist. Wie bei einer sozialen Skulptur klopfen die einen dort etwas weg. Die anderen fügen mit Ton an anderer Stelle hinzu. Vor- und Nachteile des KonsensDer Vorteil einer Entscheidung im Konsens ist, dass alle Meinungen, Bedürfnisse und Sichtweisen einbezogen werden müssen. Anders als zum Beispiel bei Mehrheitsentscheidungen, kann die Perspektive von Minderheiten oder einzelnen Menschen nicht übergangen werden. Dadurch dauert die Konsensentscheidung zwar länger. Sie sollte – zumindest theoretisch – aber auch haltbarer sein. Der Grund: Alle konnten ihre Bedenken im Vorfeld einbringen und so eine Lösung erarbeiten, die alle tragen. Deshalb sollten auch alle ein Interesse an der Umsetzung haben. So sollte es nicht zu dem sonst bekannten Phänomen kommen, dass getroffene Entscheidungen bloße Theorie bleiben – weil viele gar nicht hinter ihr stehen und sie daher in der Praxis boykottieren. So viel zu Theorie. In der Praxis hat sich aber auch beim Konsens gezeigt, dass das Ergebnis oft ein so kleiner, gemeinsamer Nenner geworden ist, dass die Entscheidungen lau sind – und niemand so richtig dahinter steht. Das zeigt sich vor allem bei internationalen Verhandlungen zu Klima- und Umweltschutzabkommen. Durch das Konsensverfahren kommen sehr sehr selten wirklich mutige und richtungsweisende Entscheidungen zustande. Den Grund dafür hat bereits Gerard Endenburg entdeckt, als er in den 1970er und 1980er Jahren das Soziokratische Kreismodell als Organisationssystem entwickelte. Er erkannte, dass der Konsens nur dann funktioniert, wenn alle Beteiligten ein gemeinsames Ziel haben (oder zumindest so ähnliche Ziele, dass sie sich nicht widersprechen) und vor allem auch gemeinsame Werte. Beides ist etwa auf internationaler Politikebene sicherlich nicht gegeben. Und in vielen Unternehmen und Organisationen lässt sich das auch nicht mit Sicherheit sagen. Deshalb hat Endenburg das Konzept des Konsent entwickelt. Anders als beim Konsens steht hier die Frage im Vordergrund „Wer hat dagegen einen schwerwiegenden Einwand?“. (siehe dazu auch unseren Beitrag zum Thema "Soziokratie")Ablauf der KonsensfindungDer Prozess der Konsensfindung läuft in mehreren Phasen ab. Es gibt unterschiedliche Abläufe und Varianten. Diesen Prozess haben wir aus „A Consensus Handbook“, das wir dir empfehlen, wenn du dich genauer mit der Methode beschäftigen möchtest:Schritt 1: Klarheit schaffenDie Suche nach einem Konsens läuft in der Regel in Form von Kreisgesprächen ab. Das bedeutet, dass alle in einem Stuhlkreis sitzen und nacheinander reden. Manchen hilft es, dabei einen Redestab oder ähnliches zu benutzen. Wichtig ist, dass sich alle respektvoll zuhören und nicht durcheinander reden. In dieser ersten Phase geht es darum, alle relevanten Informationen mit allen zu teilen. Das Ziel ist, dass alle eine fundierte Entscheidung treffen können. Hier wirklich alle Informationen weiterzugeben erleichtert die Konsensfindung im weiteren Verlauf. Hierbei geht es zum Beispiel um Fragen wie: Welche Entscheidung steht an? Bis wann muss sie von wem getroffen werden? Wieso ist sie wichtig? Auch die Ausgangsfrage spielt eine wichtige Rolle. Wenn es um eine hoch emotionale Entscheidung geht, kann es helfen, einen externe*n, unabhängige*n Moderator*in zu engagieren. Sie oder er formuliert dann die Frage. Dabei ist maximale Offenheit hilfreich, um kreativ zu werden. „Wie soll das Crowdfunding für unsere Kampagne ablaufen?“ wäre zum Beispiel geschlossener als „Wie wollen wir unsere Kampagne finanzieren?“. Schritt 2: Ideen sammelnNun geht es darum, möglichst viele Ideen für einen Lösungsvorschlag für einen möglichen Konsens zu sammeln. Bevor es dazu kommt, ist es aber hilfreich, noch einmal alle Gedanken, Reaktionen und Emotionen einzufangen. Es kann hilfreich sein, erst einmal eine emotionale Feedback-Runde zu machen, bevor es um die Sachthemen geht. Denn es ist sehr hilfreich, die Beziehungs- von der Sachebene zu trennen. Dann kann es in der großen Runde oder auch in kleinen Gruppen an die kreative Arbeit gehen. Im Brainstorming können alle gemeinsam nach möglichst vielen Lösungsideen suchen. Entscheidend ist in dieser Phase nicht die Klasse, sondern die Masse. Jede*r Einzelne sollte sich dabei von den Ideen der anderen inspirieren lassen. Auf keinen Fall sollte in dieser Phase der Konsensfindung schon bewertet werden. Das kommt im nächsten Schritt. Schritt 3: Entscheidungsvorschläge findenIn diesem Schritt geht es nun um die sogenannte Synthese. Alle vorliegenden Ideen für einen Konsens werden gemeinsam begutachtet und bewertet. Möglicherweise lassen sich Ideen kombinieren, reduzieren oder variieren. Dabei sollten alle ein Gefühl dafür bekommen, warum jede*r welche Lösung für einen möglichen Konsens möchte oder nicht: welche Bedürfnisse, Anliegen und Wünsche stecken dahinter. Schritt 4: Einwände sammelnNach einer Weile sollte der oder die Moderator*in ein Gespür für einen Entscheidungsvorschlag haben, der zu einem Konsens führen könnte. Diesen sollte er oder sie formulieren und zur Diskussion stellen. Dann beginnt der gemeinsame Prozess des Klopfens und Feilens an der sozialen Konsens-Skulptur (siehe oben). Es zeigt sich dabei, welche Punkte zur Verhandlungsmasse gehören und zur Disposition stehen – und bei welchen Dingen keine Kompromisse möglich sind, wenn es um einen Konsens geht. Wenn die Diskussion abebbt, kann der oder die Moderator*in die Entscheidungsfindung testen.Schritt 5: Entscheidung treffenScheint es einen gemeinsamen Entscheidungsvorschlag zu geben, sollte ihn die oder der Moderator*in für alle gut lesbar auf ein großes Stück Papier – etwa einen Flipchart-Bogen – schreiben. Dann gibt es drei Runden: Klärung: Gibt es noch Verständnisfragen? Reden alle vom Gleichen? Ist allen klar, worum es geht? Entscheidung: Wer stimmt der Entscheidung zu? Wer hat Vorbehalte, möchte die Entscheidung aber nicht blockieren? Wer möchte die Entscheidung blockieren und warum? Blockierer können nun noch Verbesserungen und Veränderungen einfügen, bis der Vorschlag so ist, dass sie die Entscheidung mittragen können. Ein Konsens ist gefunden. Implementierung: Damit die Entscheidung auch inkraft tritt, muss die oder der Moderator*in zum Schluss noch dafür sorgen, dass klar ist, wer was aufgrund der Entscheidung zu tun hat und bis wann dies geschehen soll. LesetippA Consensus Handbook Co-operative decision-making for activists, co-ops and communitiesSeeds of ChangeDas Buch steht als PDF kostenfrei zur Verfügung, lässt sich für 5 britische Pfund plus Porto aber auch in gedruckter Version bestellen unter: https://seedsforchange.org.uk/handbook