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Vivian Dittmar: Über innere Arbeit

Vivian Dittmar: Über innere Arbeit

Vivian Dittmar über die Bedeutung der inneren Arbeit für den Aktivismus

Vivian Dittmar: Über innere Arbeit

Wer sich für eine bessere Welt engagieren will, muss auch sich selbst verändern. Der muss mit sich, seinen eigenen Bedürfnissen und Impulsen in Kontakt kommen, meint die Gründerin der „Be The Change Stiftung" Vivian Dittmar. Wie das geht? Das hat sie uns erzählt.

Wie finde ich heraus, was ich in meinem Leben wirklich tun will?

Es ist ein Phänomen unserer Kultur, dass die meisten von uns nicht wirklich wissen, was sie in ihrem Leben machen wollen. Das hat viel damit zu tun, wie wir Menschen bilden. Kleine Kinder haben ständig Impulse, was sie wollen und gehen ihnen nach: Handlungsimpulse, Spielimpulse, Lernimpulse, Kreativimpulse, Beziehungsimpulse … Dann kommt die Schule. Sie ist letztlich ein ganz großes Trainingslager, in dem sie lernen sollen diesen Impulsen nicht mehr nachzugehen. Statt dessen sollten sie das tun, was von außen vorgegeben wird, was andere für wichtiger halten.

Dieses Training durchlaufen Kinder über viele Jahre, viele Stunden am Tag mit großer Konsequenz. Und das in einer Zeit, in der Menschen extrem formbar sind. Am Ende kommen da Menschen heraus, die nicht mehr im Kontakt mit sich sind. Das haben sie über Jahre abtrainiert. Und nach der Schule sollen sie dann aber auf einmal wissen, was sie wollen. Da sind viele total verloren. Entweder sie merken das gleich oder in der Midlife-Crisis oder irgendwo dazwischen.

Die Erkenntnis „Ich weiß eigentlich gar nicht, was ich wirklich will und alles, was ich glaube zu wollen, ist doch irgendwie von außen aufgesetzt“ ist erstmal sehr schmerzhaft. Sie ist aber auch ein wichtiger Startpunkt. Von dort aus können sich Menschen auf den Weg machen. Das erlebe ich als einen inneren Klärungsprozess, der auf der einen Seite auf einer emotionalen Ebene stattfindet und auf der anderen Seite auf einer Willensebene.

Und wie finde ich nun heraus, was ich wirklich will?

Ganz wichtig ist, dass das kein intellektueller Prozess ist. Wir haben meist gelernt, Probleme intellektuell anzugehen und sich irgendwelche Fragen zu stellen. Das ist auch gut und schön. Doch wenn die Antworten nur auf einer intellektuellen Ebene kommen, hat das so eine Beliebigkeit. Der Verstand kann ja alles mögliche in alle möglichen Richtungen argumentieren. Irgendwann kommt man so nicht mehr weiter.

Dann muss man den Modus wechsel und vom Denken zum Spüren kommen. Denn im Spüren offenbaren sich andere Denkweisen. Denkweisen, die ich das „transrationale Denken“ nenne. Authentische Impulse spüren wir über den Körper und die innere Wahrnehmung. So können wir zwischen einem echten, uns eigenen Impuls unterscheiden und einem Impuls, der von außen kommt. Das kann der Intellekt nicht.

Wenn Menschen anfangen zu spüren, kommen die meisten von ihnen mit einem ganzen Haufen von Emotionen in Kontakt. Denn im Laufe der Zeit, haben sich viele nicht gefühlte Gefühle aufgestaut. Dadurch kommen sie zunächst gar nicht mit dem transrationalen Denken in Kontakt – also mit den Impulsen, der Intuition und ihrer Inspiration. Statt dessen sind nicht alle, aber viele Menschen mit etlichen Gefühle konfrontiert, die sie gar nicht fühlen wollen. Sie müssen dann diesen ganzen Emotionswust erst einmal aufräumen.

Darunter verbergen sich die Bedürfnisse. Sie sind meistens erst einmal in einem sehr unreifen Zustand, weil sie so lange nicht gefühlt wurden. Und darunter befinden sich dann erst die authentischen Impulse. Deshalb geht es darum, dass wir lernen zu fühlen, zu integrieren, zu heilen und dadurch die Gefühle wieder frei klingen zu lassen. Wir müssen ein Bewusstsein dafür entwicklen, was unser eigentliches Bedürfnis in einer Situation ist. Und dann müssen wir tiefer gehen und zu schauen: Was ist da jetzt ein wirklich authentischer Impuls? Und was ist einfach so ein Ego-Bedürfnis oder ein unreifes Ach-das-hätte-ich-jetzt-gerne-mal ...?

Wie lerne ich praktisch meine Impulse wieder zu spüren?

Ich plädiere sehr für eine regelmäßige Praxis. Am besten ist es, sich ganz bewusst Räume zu schaffen, um das Spüren zu üben. Außerdem müssen wir das gemeinsam tun. Man kann versuchen, es alleine zu üben – aber das ist nicht sehr effizient. Es ist einfacher, wenn wir uns zusammentun und wenn wir uns gegenseitig unterstützen, indem wir uns zuhören. Denn das Zuhören hat eine große Macht. Das ist wie beim Momo.

Das heißt ich plädiere dafür, dass wir uns gegenseitig regelmäßig zuhören. Dass wir ganz bewusst Räume schaffen, wo der eine zuhört und der andere in sich hinein lauscht und dem Worte gibt, was da auftaucht, aus dem Körper heraus, aus dem Spüren. Das ist ein Klärungsprozess, der Zeit braucht. Sich dafür fünf Minuten pro Tag zu nehmen, ist ein guter Zeitraum. Das ist zwar nicht viel, aber es kommt auch sehr auf die Regelmäßigkeit an. Auf diese Weise gelingt so eine Art emotionale Hygiene, durch die Menschen immer mehr mit sich in Kontakt kommen können. Gleichzeitig lernen sie durch das Zuhören, jemanden anderen wirklich wahrzunehmen und einfach ganz dasein zu lassen. Das ist eine Praxis, die ich sehr empfehle, um die Emotions- und die Bedürfnisebene zu klären.

Bedeutet so ein innerer Klärungsprozess auch automatisch, dass die Menschen umweltbewusster und sozialer leben?

Das ist eine spannende Frage. Ich habe jedoch keine eindeutige Antwort. Ich erlebe, dass bei Menschen, die stärker mit sich in Kontakt kommen, automatisch auch Bedürfnisse auftauchen wie: „Ich will das es allen gut geht“. Aber das ist nicht bei jedem so. Ich sehe auch Menschen, die sich in ihrer Selbstverwirklichung verlaufen, und diese zum Selbstzweck machen. Allerdings wird das dann auch zu einer Frustration. Da verstrickt sich die Selbstverwirklichung in sich selbst. Auf jeden Fall gilt: um in unserer Welt wirksam zu sein, brauchen wir die innere Arbeit. Und die innere Arbeit braucht auch den äußeren Zweck. Das ist so eine wechselseitige Abhängigkeit.

Wie komme ich aus dem Dilemma heraus, dass ich die Welt verändern will – und mich nicht davon frusten lasse, dass so viele nicht mitmachen?

Ich gucke eher mit einer großen Verwunderung und auch Demut in die Welt und denke: „Ha, das ist ja interessant, dass es viele Menschen gibt, die diesen klaren Ruf spüren. Und dass es noch mehr gibt, die es im Moment noch nicht spüren“. Ich habe ein ganz tiefes Vertrauen und einen ganz tiefen Respekt vor dem, wie sich jedes einzelne Leben zeigt und entfaltet, dass ich mir gar nicht anmaße zu sagen, dass sollte anders sein. Es war ein wichtiger Schritt für mich zu sagen: „okay, ich verstehe das nicht. Und gleichzeitig kann ich nur zur Kenntnis nehmen, dass es so ist“. Das hat viel mit dem Vertrauen in die innere Führung jedes einzelnen zu tun.

Gleichzeitig ist meine Aufgabe meinem Impuls zu vertrauen und mich zum Beispiel hinzustellen und zu sagen: „Wir brauchen einen öko-sozialen Wandel und zwar jetzt!“ Das spüre ich in jeder Faser meines Wesens. Und dann kann es sein, dass andere sich davon angesteckt fühlen und sagen: „Ja, genau, ich will etwas ähnliches“. Es kann aber auch sein, dass das nicht so ist. Das müssen wir meiner Meinung nach aushalten. Für mich das eine gute Übung in Demut.

Menschen, die einen großen Drang haben zu missionieren, kompensieren damit oft die innere Arbeit, die sie nicht gemacht haben. Solche Menschen haben oft einen Absolutheitsanspruch. Und der ist immer ganz eng verknüpft mit Emotionen. Deshalb sieht man in einem unreifen Aktivismus ganz viel Anklage, ganz viel Verurteilung, ganz viel „es sollte anders sein“, „die Welt sollte anders sein“ und „die Politiker sollten anders sein“ und so weiter. Es ist aber eine unreife Haltung nicht zu schauen, was ich selbst tun kann, sondern zu erwarten, dass Mama und Papa etwas für mich tun – oder übersetzt die Großen und Mächtigen.

Deshalb sind Absolutheitsansprüche immer mit unreifen Urteilen in uns verknüpft, mit nicht gefühlten Gefühlen, die wir nicht in uns ausgesöhnt haben. Und anstatt uns denen zuzuwenden und diese zunächst schwierigen Emotionen auszuhalten, gehen wir auf die Barrikaden und schreien unseren Schmerz in die Welt hinaus. Das ist auch vollkommen in Ordnung und ich will das auf keinen Fall verurteilen. Das kann man so machen. Doch es ist meines Erachtens gut, zwischen dieser Form von Aktivismus und einem echten Sich-Einbringen zu unterscheiden – einem reifen oder auch heiligen Aktivismus. Oft wird ein unreifer Aktivismus zum Teil des Problems, anstatt zum Teil der Lösung.

Vivian Dittmar

begleitete Menschen viele Jahre lang bei ihrer Persönlichkeitsentwicklung. Dann wurde ihr klar, dass wir Menschen uns nur dann voll entfalten können, wenn wir in gesunden, positiven und lebensbejahenden Strukturen leben können.

Deshalb gründete sie die Be the Change Stiftung, um den gesamtgesellschaftlichen, kulturellen Wandel zu unterstützen. Dort gibt es Bildungsangebote für Menschen, die den öko-sozialen Wandel lebendig werden lassen wollen. Außerdem ist sie Beraterin beim Terra Institut und begleitet als solche Unternehmen bei ihren Transformationsprozessen hin zu einer nachhaltigen Kultur. Schließlich schreibt sie Ratgeber für Gefühle und Beziehungen.

https://viviandittmar.net

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